Sprachbildung/Sprachwissen/Komposita

Stolperstein Komposita: Zusammengesetzte Wörter
Die Zusammensetzung von Nomen und anderen Wortarten ist eine Besonderheit der deutschen Sprache und birgt deshalb manche Schwierigkeit. Gleichzeitig kommen Komposita so häufig vor, dass es sich zum sicheren Sprachgebrauch lohnt, einiges darüber zu wissen!
- ZIEL: Dieses Arbeitsmaterial soll Sensibilität für das Phänomen Komposita herstellen und dessen Eigenheiten als auch das Umgehen damit im Unterricht erläutern.
- ZEIT: etwa 60 min
Ein Seminarmaterial für die Lehrerausbildung im Referendariat.
Komposita in der Sprachförderung: So bitte nicht!
Bei der letzten Bürgerschaftswahl in Bremen wurden die Informationen für die Wähler konsequent im Bindestrichstil wie folgt pseudovereinfacht:
- Wahl-lokal / Stimmen-abgabe / Bürgerschafts-wahl-termin
- Im Text sah das so aus: Für die Stimmen-abgabe gehen Sie am Bürgerschafts-wahl-termin ins Wahl-lokal in Ihrem Stadt-teil.
Ich nenne das “pseudovereinfacht”, weil dieses Vorgehen die Sprache nicht wirklich vereinfacht, sondern nach einer nicht existierenden Regel verfremdet und damit u. U. erschwert. (Andere Maßnahmen sind sehr viel hilfreicher. Bei (z. B.) den Wahlinformationen zur Briefwahl war die beiliegende Info, die die Vorgehensschritte strukturiert nacheinander aufzählte und visualisierte, sehr viel hilfreicher als der Bindestrichstil.) Auch im Unterricht von Referendaren habe ich diesen falschen Sprachgebrauch unter der Überschrift "vereinfachte Sprache" bereits beobachtet - und deshalb diesen kleinen Lernpfad entwickelt.
Dabei ist das Prinzip des Aneinanderhängens von mehreren Nomen gar nicht so schwer nachzuvollziehen. Und Komposita kommen im Deutschen so häufig vor, dass man dieses Prinzip sehr früh lernt (lernen muss) - daran führt überhaupt kein Weg vorbei. Deshalb ist solch eine Pseudovereinfachung i. d. R. Unsinn. Denn Sprachbildung und Sprachförderung bedeutet, Schüler:innen sprachlich fit zu machen für ihr Leben – es bedeutet nicht, Schüler:innen durch eine künstlich vereinfachte Sprache im Schutzraum Schule sprachlich beschränkt zu halten und ihnen so langfristig den Zugang zu gesellschaftlicher Teilhabe zu verwehren.
Wörter zusammensetzen
Man kann im Deutschen mehrere Nomen (oder andere Wortarten) wie Dominosteine aneinanderlegen. Z. B.:
- Ein Buch für die Schule ist ein Schulbuch.
- Ein Verlag, der Bücher für Schulen herausgibt, ist ein Schulbuchverlag.
- Ein Lektor, der dort arbeitet, ist ein Schulbuchverlagslektor.
- Seine Aufgabe ist die Schulbuchverlagslektoraufgabe.
- Die Beschreibung seiner Aufgabe ist die Schulbuchverlagslektoraufgenbeschreibung.
(Was es mit dem unterschrichenen s und n auf sich hat, erfährst du weiter unten -> "Fugenlaut".)
Wissen muss man dazu:
- Die Reihenfolge ist nicht beliebig! (Haustier ≠ Tierhaus)
- Muttersprachler verstehen zusammengesetzte Nomen i. d. R. intuitiv sofort, für DaZ- und DaF-Lerner können sie jedoch irritierend sein.
- Komposita werden oft in der Fachsprache genutzt (Busfahrerkabine, Steigbügel, Pferdebox, )
- Häufig werden Nomen zusammengefügt, es können aber auch andere Wortarten kombiniert werden. Bildungsmuster sind:
- Nomen + Nomen (Bandscheinbenvorfall)
- Adjektiv + Nomen (Hochhaus, Altglas)
- Adjektiv + Nominalisierung (Schwarzfahren)
- Nomen + Nominalisierung (Bergsteigen)
- Adjektiv + Partizip (weichgekocht)
- Adjektiv + Verb (schwarzfahren, schönreden)
- Adjektiv + Adjektiv (dünnhäutig)
- Nomen + Partizipt I (musikliebend)
- Nomen + Partizip II (sprachgeschult)
- Nomen + Adjektiv (sprachsensibel)
- Kompostita können dabei nicht nur aus zwei, sondern aus beliegig vielen Wörtern bestehen: Kurzstreckentariffahrschein
- Bei Wörtern, die mit einer Präposition gebildet werden (wie Fürsorge, Mitarbeiter, Anspielung, vormachen, übergriffig), stellt sich die Frage, ob sie auch zu den Komposita zählen oder schlicht eigene Begriffe sind. Die Frage der Einsortierung ist für die Sprachrichtigkeit im mündlichen oder schriftlichen Bereich aber unerheblich, insofern ist das für die Lernenden nicht wirklich relevant. Es gibt bei den Wortverbindungen mit einer Präposition keine Fugenlaute - dieser Stolperstein entfällt also bei ihnen. Begriffe, die eine Präposition enthalten, sind in der Regel hinsichtlich ihrer Bedeutung klar definiert und nicht beliebig neu bildbar, denn die Präposition ist eine Vorsilbe und transportiert nicht unbedingt eine eigene Bedeutung. (Z. B. gibt es zwar Fürsorge, aber man kann nicht Fürarbeit neu bilden, das wäre unverständlich.) Diese Eigenschaften sprechen dagegen, sie als Komposita zu sehen. Ebenso verhält es sich mit Wörtern mit den Vorsilben hin- oder herum- (hinlaufen, herumlaufen).
Aufgabe 1: Komposita erkennen
▶ Markiere in dem Text (eingestellte PDF rechts) alle Komposita!
Ziel: Kompositasensibiliät entwickeln
Aufgabe 2: Bildungsmuster erkennen

▶ Bitte ordne die markierten Komposita in die Tabelle ein!
Ziel: Bildungsmuster erkennen und benennen können[2]
Aufgabe 3: Fugenlaute
Die größte Schwierigkeit bei den Komposita ist, dass sie manchmal einen Fugenlaut haben. Beispiele:
- Arbeitsmarkt → mit -s- als Fugenlaut (auch: -es-, Bsp.: Tageszeit)
- Wochenmarkt → mit -n- als Fugenlaut (auch: -en-, Bsp.: nötigenfalls)
- Mauseloch → mit -e- als Fugenlaut
- Arbeit/geber → ohne Fugenlaut!
- Bilderrahmen, Birnensaft → die Pluralform wird als Fugenlaut verwendet
Leider gibt es keine Regel, wann welcher Fugenlaut eingesetzt werden muss!
Wer das nicht per Sprach/gefühl entscheiden kann, muss es auswendig lernen… Deshalb ist es sinnvoll, Lernende von Deutsch als Zweit/sprache auf Fugenlaute hinzuweisen.
▶ Bitte schaue dir die Komposita in dem Text über Ostern noch einmal an: Welche Komposita haben welchen Fugenlaut? Markiere sie mit blau!
Ziel: Sensibel für Fugenlaute werden.
Welches Nomen gibt den Artikel vor?
Wenn man mehrere Nomen hat, ist natürlich die Frage, von welchem Nomen der Artikel abhängt. Dafür gibt es zum Glück eine einfache Regel: Der Artikel richtet sich immer nach dem letzten Nomen! Beispiel:
- die Sonne + der Schein = der Sonnenschein
- die Herkunft + das Land = das Herkunftsland
- der Lohn + das Niveau = das Lohn/niveau
▶ Welche Artikel haben diese zusammengesetzten Nomen?

... Frühlingsanfang / ... das Frühlingsanfangsfest / ... Himmelsrichtung[3] / ... Osterhase
Was heißt alles das für den Unterricht?
- die sprachlichen Mittel passend zur Lerngruppe auswählen
- auf Komposita eingehen und sie erklären:
- ihre Bedeutung
- ihre Bildung
- den Artikel
- die Fugenlaute markieren
Rechtschreibung
Komposita werden im Deutschen zusammengeschrieben - ohne Bindestrich!
Richtig ist: die Schulsekretärin, der Kaufvertrag, das Arbeitsprodukt. (Falsch wäre: die Schul-Sekretärin, der Kauf-Vertrag, das Arbeits-Produkt. Viele Menschen schreiben Komposita mit einem Bindestrich, weil sie das aus dem Englischen ableiten. Das ist aber eine englische Regel und wird im Deutschen nicht gemacht.)[4]
Allerdings:
- Kombinationen wie deutsch-französisch oder Baden-Württemberg werden nicht zusammen geschrieben, sondern mit Bindestrich. Es handelt sich um sogenannte Koordinatenkomposita. Das bedeutet, dass die beiden Teile gleichwertig nebeneinanderstehen. Das Wort deutsch-französisch beschreibt etwas, das sowohl deutsche als auch französische Eigenschaften hat oder beide Sprachen betrifft (zum Beispiel ein „deutsch-französisches Wörterbuch“). Der Bindestrich signalisiert hier die gleichrangige Verbindung der beiden Begriffe.
- Akrobatik-AG (Bsp.) wird mit Bindestrich geschrieben. Wenn das Grundwort eines Kompositums eine Abkürzung ist, die wie ein Wort gesprochen wird (AG), verwendet man einen Bindestrich.
- Goethe-Gymnasium (Bsp.) wird mit Bindestrich geschrieben, da das erste Wort des zusammengesetzten Nomens ein Eigenname (Goethe) ist. Er dient dazu, den Namen als eigenständigen Kern hervorzuheben.
- Eine weitere (Regel-)Ausnahme ist diese: Wir ein Teil eines Wortes in Klammern gesetzt, setzt man meist innerhalb der Klammer einen Bindestrich. (Weiteres Bsp.: Dort steht ein (Kaugummi-)Automat.)[5]
Aufgabe 4: Komposita in deinem eigenen Unterricht
Nimm dir einen Text, den du in deinem eigenen Unterricht verwendet hast oder verwenden willst, oder nimm einen Text aus dem Schulbuch deiner Lerngruppe, einen Zeitungsartikel oder einen irgendeinen anderen Text:
▶ Markiere alle Komposita mit gelb! (Und, falls der Text selbst geschrieben ist, überprüfe dabei deine Rechtschreibung!)
▶ Markiere die Fugenlaute mit blau!
▶ Wie wurden die Komposita gebildet? Sortiere: a) Nomen + Nomen (bzw. Nominalisierungen) b) andere
▶ Bedeutung: Überlege, ob sie für Lernende in deiner Lerngruppe schwierig zu verstehen sein könnten.

▶ Überlege, welche dieser Komposita du in deiner Lerngruppe erklären müsstest und warum. Markiere diese Komposita mit rot! Wie würdest du sie erklären?
Literatur & mehr
- Martens, Lieselotte: Stolpersteine der deutschen Sprache. 2014. https://foermig-berlin.de/materialien/Stolpersteine.pdf (zum Thema Komposita: Folie 21-27)
- Studyflix (Hrsg.): Komposita https://studyflix.de/deutsch/komposita-8290
- DUDEN (Hrsg.): Fugenelemente https://www.duden.de/sprachwissen/sprachratgeber/Zusammensetzungen (zum Fugenlaut)
- WIKIPEDIA (Hrsg.): https://de.wikipedia.org/wiki/Wortfuge (zum Fugenlaut)
Häcker, Sabine: PORTFOLIO Sprachbildung (Weiteres Material zum Thema Sprachbildung und -förderung)
Hinweis zum Anliegen der geschlechtergerechten Sprache
Es wird die generische Variante, das sog. generische Maskulinum, in ihrer genderneutralen Definition verwendet. Das grammatikalische "Geschlecht" von Sprache ist dabei keinesfalls mit dem biologischen oder sozialen Geschlecht von Menschen gleichzusetzen.
Anmerkungen
- ↑ Textquelle: Wie inklusiv ist Ostern? Warum Ostern nicht nur ein religiöser Feiertag, sondern gleichzeitig ein weltliches Fest für alle ist. (Unterrichtsmaterial für Jhg. 5-7).
- ↑ Auch wenn die Frage, zu welchen Wortarten die einzelnen Wörter gehören, für die korrekte Sprachverwendung nicht relevant ist, schult die Auseinandersetzung damit das Erkennen von Komposita. Deshalb ist es an dieser Stelle als Aufgabe eingebunden worden.
- ↑ Es gibt wenige Regeln dafür, welcher Artikel zu einem Nomen gehört. Aber Wörter, die auf -ung enden, sind immer feminin, d. h. sie haben den Artikel die (die Himmelsrichtung, die Zeitung, die Meinung, die Abmahnung, ...). Außerdem haben Komposita mit -ung im ersten Teil i. d. R. ein Fugen-s (Zeitungsverkäufer, Meinungsmache, Abmahnungsschreiben).
- ↑ Vgl. DUDEN (Hrsg.): https://www.duden.de/sprachwissen/sprachratgeber/Komposition.
- ↑ DUDEN (Hrsg.): Komma, Punkt und alle anderen Satzzeichen. 1998, S. 182.
- ↑ Textquelle: Warum ist das Schwein ein Glückssymbol für das neue Jahr? (Unterrichtsmaterial für Jhg. 5/6).
