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Sprachbildung/Sprachwissen/Komposita

Aus ZUM-Unterrichten
Was ist hier passiert?

Komposita: Zusammengesetzte Wörter

Die Zusammensetzung von Nomen, eine Besonderheit der deutschen Sprache, folgt keinen logischen Mustern und birgt deshalb manche Schwierigkeit. Gleichzeitig kommen Komposita so häufig vor, dass es sich zum sicheren Sprachgebrauch lohnt, einiges darüber zu wissen!

  • ZIEL: Dieses Arbeitsmaterial soll das Phänomen Komposita mit seinen Eigenheiten als auch das Umgehen damit im Unterricht erläutern.
  • ZEIT: etwa 60 min

Ein Seminarmaterial für die Lehrerausbildung im Referendariat von © Sabine Häcker.

Komposita in der Sprachförderung: So bitte nicht!

Bei der letzten Bürgerschaftswahl in Bremen wurden die Informationen für die Wähler konsequent im Bindestrichstil wie folgt pseudovereinfacht:

  • Wahl-lokal / Stimmen-abgabe / Bürgerschafts-wahl-termin
  • Im Text sah das so aus: Für die Stimmen-abgabe gehen Sie am Bürgerschafts-wahl-termin ins Wahl-lokal in Ihrem Stadt-teil.

Ich nenne das “pseudovereinfacht”, weil dieses Vorgehen die Sprache nicht wirklich vereinfacht, sondern nach einer nicht existierenden Regel verfremdet und damit u. U. erschwert. Auch im Unterricht von Referendaren habe ich diesen falschen Sprachgebrauch unter der Überschrift "vereinfachte Sprache" bereits beobachtet - und deshalb diesen kleinen Lernpfad entwickelt.

Für Menschen, die Deutsch als Zweitsprache oder als Fremdsprache lernen, ist es viel schwerer, zu verstehen, dass Lokal in Wahllokal nicht wie sonst Gaststätte, sondern Ort bedeutet, als das Prinzip des Aneinanderhängens von mehreren Nomen nachzuvollziehen. Komposita kommen im Deutschen so häufig vor, dass man dieses Prinzip sehr früh lernt (lernen muss) - daran führt überhaupt kein Weg vorbei! Deshalb ist solch eine Pseudovereinfachung Unsinn. Denn Sprachbildung und Sprachförderung bedeutet, unsere Schüler:innen sprachlich fit zu machen für ihr Leben – es bedeutet nicht, Schüler:innen durch eine künstlich vereinfachte Sprache im Schutzraum Schule sprachlich dumm zu halten und ihnen so langfristig den Zugang zu gesellschaftlicher Teilhabe zu verwehren…!

Wörter zusammensetzen

Man kann im Deutschen mehrere Nomen wie Dominosteine aneinanderlegen. Z. B.:

  • Ein Buch für die Schule ist ein Schulbuch.
  • Ein Verlag, der Bücher für Schulen herausgibt, ist ein Schulbuchverlag.
  • Ein Lektor, der dort arbeitet, ist ein Schulbuchverlagslektor.
  • Seine Aufgabe ist die Schulbuchverlagslektoraufgabe.
  • Die Beschreibung seiner Aufgabe ist die Schulbuchverlagslektoraufgenbeschreibung.

(Was es mit dem unterschrichenen s und n auf sich hat, erfährst du später, weiter unten unter "Fugenzeichen".)

Wissen muss man dazu:

  • Die Reihenfolge ist nicht beliebig! (Haustier ≠ Tierhaus)
  • Muttersprachler verstehen zusammengesetzte Nomen i. d. R. intuitiv sofort, für DaZ- und DaF-Lerner können sie irritierend sein.
  • Komposita werden oft in der Fachsprache genutzt (Busfahrerkabine, Steigbügel, Pferdebox)
  • Häufig werden Nomen zusammengefügt, es können aber auch andere Wortarten kombiniert werden. Bildungsmuster sind:
    • Nomen + Nomen (Bandscheinbenvorfall)
    • Adjektiv + Nomen (Hochhaus, Altglas)
    • Adjektiv + Nominalisierung (Schwarzfahren)
    • Nomen + Nominalisierung (Bergsteigen)
    • Adjektiv + Partizip (weichgekocht)
    • Adjektiv + Verb (schwarzfahren, schönreden)
    • Adjektiv + Adjektiv (dünnhäutig)
    • Nomen + Partizipt I (musikliebend)
    • Nomen + Partizip II (sprachgeschult)
    • Nomen + Adjektiv (sprachsensibel)
    • Adjektiv + Nomen + Nomen (Kurzstreckentarif)

Aufgabe 1: Komposita erkennen

▶ Markiere in dem Text (eingestellte PDF rechts) alle Komposita!

Ziel: Kompositasensibiliät entwickeln

Aufgabe 2: Bildungsmuster erkennen

1) Komposita mit gelb markieren 2) Komposita in die Tabelle einordnen 3) Fugenzeichen mit blau markieren (Inhalt: vgl. Osterwissen)

▶ Bitte ordne die markierten Komposita in die Tabelle ein!

Ziel: Bildungsmuster erkennen und benennen können

Aufgabe 3: Fugenzeichen​

Die größte Schwierigkeit bei den Komposita ist, dass sie manchmal ein Fugenzeichen zwischen den Wörtern haben. Beispiele:

  • Arbeitsmarkt →  mit -s- als Fugenzeichen
  • Wochenmarkt → mit -n- als Fugenzeichen
  • Arbeit/geber → ohne Fugenzeichen!
  • Bilderrahmen → mit -er- als Fugenzeichen

Leider gibt es keine Regel, wann welches Fugenzeichen eingesetzt werden muss! ​​​​

Wenn man das nicht per Sprach/gefühl entscheiden kann, muss man es auswendig lernen… Deshalb ist es sinnvoll, Deutsch als Zweit/sprache Lernende auf Fugenzeichen hinzuweisen.

▶ Bitte schaue dir die Komposita in dem Text über Ostern noch einmal an: Welche Komposita haben welches Fugenzeichen? Markiere sie mit blau!

Ziel: Sensibel für Fugenzeichen werden.

Welches Nomen gibt den Artikel vor?

Wenn man mehrere Nomen hat, ist natürlich die Frage, von welchem Nomen der Artikel abhängt. Dafür gibt es zum Glück eine einfache Regel: Der Artikel richtet sich immer nach dem letzten Nomen!  ​​​​Beispiel:

  • die Sonne + der Schein = der Sonnenschein
  • die Herkunft + das Land = das Herkunftsland
  • der Lohn + das Niveau = das Lohn/niveau

▶ Welche Artikel haben diese zusammengesetzten Nomen?

Lösung zu 1) + 2) + 3)

.. Frühlingsfest / ... Vollmond / ... Frühlingsanfang / ... Himmelsrichtung / ... Osterei / ... Osterhase

Was heißt alles das für den Unterricht?

  • Überfrachtung vermeiden bzw. die sprachlichen Mittel passend zur Lerngruppe auswählen
  • auf Komposita eingehen und sie erklären:
    • ihre Bedeutung
    • ihre Bildung
    • den Artikel
    • das Fugenzeichen markieren

Rechtschreibung

Zusammengesetzte Wörter werden im Deutschen immer zusammen geschrieben - ohne Bindestrich!

Richtig ist: die Schulsekretärin, der Kaufvertrag, das Arbeitsprodukt. (Falsch wäre: die Schul-Sekretärin, der Kauf-Vertrag, das Arbeits-Produkt. Viele Menschen schreiben Komposita mit einem Bindestrich, weil sie das aus dem Englischen so kennen. Im Deutschen wird das aber nicht gemacht!)

Aufgabe 4: Komposita in deinem eigenen Unterricht

Nimm dir einen Text, den du in deinem eigenen Unterricht verwendet hast oder verwenden willst, oder nimm einen Text aus einem Schulbuch deiner Lerngruppe:

▶ Markiere alle Komposita mit gelb! (Und überprüfe dabei deine Rechtschreibung!)

▶ Markiere die Fugenzeichen mit blau!

▶ Wie wurden die Komposita gebildet? Sortiere: a) Nomen + Nomen (bzw. Nominalisierungen) b) andere

▶ Bedeutung: Überlege, ob sie für Schüler in deiner Lerngruppe schwierig zu verstehen sein könnten.

Falls du keinen eigenen Text hast, kannst du diesen Text für Aufgabe 4 nutzen. (Aus: Benutzer:Sabine Häcker/Weihnachtswissen/Traditionen/Glückssymbol/Schwein - Unterrichtsmaterial für Jhg. 5/6)

▶▶ Überlege, welche dieser Komposita du in deiner Lerngruppe erklären müsstest und warum. Markiere diese Komposita mit rot! Wie würdest du sie erklären?


Hinweis zum Anliegen der geschlechtergerechten Sprache: Es wird die generische Variante in ihrer genderneutralen Definition verwendet. Das grammatikalische Geschlecht von Sprache ist dabei keinesfalls mit dem biologischen oder sozialen Geschlecht von Menschen gleichzusetzen!