Mit Gedichten arbeiten: Adjektive

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Adjektive sind ...
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... wichtig,

  • sie schaffen Anschaulichkeit: der freundliche, wohlwollende Blick
  • erlauben feine Bedeutungsunterscheidungen: die kleine Fliege, die winzig kleine Fliege, die mikroskopisch kleine Fliege
  • und manchmal überraschen sie auch: heiliges Grauen, blaue Luft,

Adjektive sind riskant,

  • wenn sie zu gehäuft verwendet werden: ein schriller, lauter, ohrenbetäubender Schrei in der Nacht
  • wenn sie unnötige Informationen enthalten: der große Elefant, der weiße Schwan, der lustige Clown.
  • wenn sie falsch oder unpassend sind: eine gelbe Entenfamilie, der großartige Unfall
  • wenn sie verbraucht sind: die goldenen Sterne, das laue Lüftchen, die geile Party

Ein berühmter moderner Dichter hat einmal folgendermaßen vor der Verwendung von Farb-Adjektiven gewarnt:

"Beachten Sie, wie oft in den Versen Farben vorkommen. Rot, purpurn, opalen, silbern mit der Abwandlung silberlich, braun, grün, orangefarben, grau, golden — hiermit glaubt der Autor vermutlich, besonders üppig und phantasievoll zu wirken, übersieht aber, daß diese Farben ja reine Wortklischees sind, die besser beim Optiker und Augenarzt ihr Unterkommen finden."
(Gottfried Benn: Probleme der Lyrik, Limes Verlag 1951 S. 16)


Worum geht's

Die Leistungen und Risiken von Adjektiven sollen am Beispiel des berühmten Gedichtes "Der Panther" von Rainer Maria Rilke erfahrbar gemacht werden. Das Verfahren kann natürlich auch mit anderen - Adjektiv-haltigen - Gedichten (oder auch Prosa-Texten) durchgeführt werden.

Vorarbeiten

Annäherungen

Vorschläge:

  1. ein Bild von einem Panther zeigen und eine Beschreibung erstellen. Mit anderen bekannten Raubkatzen vergleichen,
  2. eine Wortsammlung zum Tier "Panther" - auf Substantive und Adjektive beschränkt,
  3. ein Gespräch über Tiere im Zoo führen: Wie mögen sie sich wohl fühlen, was sehen sie, wie erleben sie die Welt?
  4. Frage-Impuls: Wie müssen wir uns das vorstellen, wenn jemand ein Gedicht über einen Panther im Zoo schreibt?

Der Text mit Lücken

Der Panther

Im Jardin des Plantes, Paris

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so ___ geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es ___ Stäbe gäbe
und hinter ___ Stäben keine Welt.

Der ___ Gang ___ ___ Schritte,
der sich im aller___ Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der ___ ein ___ Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich ___ auf -. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder ___ Stille -
und hört im Herzen auf zu sein.

Der Arbeitsauftrag

Das beste Wort an der passenden Stelle


1. Variante: Wortspeicher passend! (einfach)

Hier die fehlenden Adjektive.
angespannt - müd - tausend (2x) - geschmeidig - stark - klein - groß - betäubt - lautlos - weich
Beachte: Manche Adjektive müssen grammatikalisch angepasst werden.

2. Variante: Wortspeicher mit Überschuss! (knifflig)

Hier eine Liste von Adjektiven. Welches könnte an welcher Stelle gut passen.
alt - müd - tausend (2x) - weich - sanft - blind - geschmeidig - stark - schwach - klein - groß - betäubt - lautlos - angespannt - eng - trüb - schwarz
Beachte: Wenn nötig sollten sie grammatikalisch angepasst werden.

3. Variante: Kein Wortspeicher. Alles offen! (kreativ)

Das Metrum (Trochäus?Jambus?) sollte jedoch beachtet werden.

Arbeitsform und Auswertung

Think - pair - share:
  1. Zuerst jeder für sich - ohne Wortspeicher!
  2. Vergleichen und entscheiden in Partner- oder Kleingruppen-Arbeit: Differenzierungsmöglichkeit nach Varianten I, II oder III (siehe oben): Je zwei oder drei Teams bekommen die selbe Variante als Auftrag.
  3. Ergebnis-Präsentation der Teams mittels eines vorhandenen Mediums: Folie, Plakat, Whiteboard, Vortrag ... und Erläuterung zur Wortwahl.
  4. Schließlich zum kritischen Vergleich: Das Original!

Der Panther
Im Jardin des Plantes, Paris

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille -
und hört im Herzen auf zu sein.

Rainer Maria Rilke, 6.11.1902, Paris

Vertiefung: Leistungen der Wortart Adjektiv

Was kann das Adjektiv leisten - nicht nur in Gedichten?

Adjektive
  • können einen Sachverhalt veranschaulichen
  • ermöglichen genauere Unterscheidungen (Differenzierungen)
  • können den/die Leser überraschen
  • den Gegenstand verfremden
  • die Wahrnehmung einer Sache erweitern

Können wir dazu Beispiele finden?

Weiterführungen

Beschäftigungen mit dem Gedicht
  • Interpretationsgespräch: Ist das ein gutes, schönes, un/interessantes ... Gedicht?
  • Malt ein Bild zu jeder Strophe: Eine Art Comic-Strip ...
  • Analyse und Interpretation Strophe für Strophe, sprachliche Gestaltung, Deutungshypothese, Aussage, Wirkung ...
  • Das Gedicht als Beispiel für den Gedichttypus "Dinggedicht" reflektieren: Ist ein Tier ein Ding? Oder wie ist das gemeint?
  • Weitere Gedichte über Tiere zum Vergleich


Stefan George
(1868 - 1933)

Meine weissen ara haben
Safrangelbe kronen
Hinterm gitter wo sie wohnen
Nicken sie in schlanken ringen
Ohne ruf ohne sang
Schlummern lang
Breiten niemals ihre schwingen –
Meine weissen ara träumen
Von den fernen dattelbäumen.

Siehe auch