Nachricht für neue Nutzer.
Nachricht für engagierte Nutzer.

Martha Nussbaum

Aus ZUM-Unterrichten

Info zur Person

Martha Nussbaum

Martha Nussbaum, Jahrgang 1947, geboren in New York City, Professorin für Rechtswissenschaften und Ethik an der Universität Chicago. Wichtige in Deutsch erschienene Werke:

  • Gerechtigkeit oder Das gute Leben, Frankfurt/M. 1999.
  • Konstruktionen der Liebe, des Begehrens und der Fürsorge, Frankfurt/M. 2002.
  • Die Grenzen der Gerechtigkeit. Behinderung, Nationalität und Spezieszugehörigkeit. Frankfurt/M. 2015
  • Fähigkeiten schaffen. Neue Wege zur Verbesserung menschlicher Lebensqualität, Freiburg/München 2015/19

Mehr: https://de.wikipedia.org/wiki/Martha_Nussbaum

Impuls: "Wege zur Verbesserung menschlicher Qualität"

Aufgabe

1. Arbeitsauftrag:

Was stellt ihr euch unter "menschlicher Lebensqualität" vor?
Was brauchen Menschen, um ein gelungenes Leben zu führen?
Schreibt die eurer Ansicht nach wichtigsten Fähigkeiten (capabilities) auf ein Plakat.

2. Stellt eure Entscheidungen vor und begründet sie.

3. Wir erstellen daraus gemeinsam eine Prioritätenliste.

Begegnung mit den „Zentralen Fähigkeiten” bei Martha Nussbaum

Die Grundfähigkeiten des Menschen

1. Die Fähigkeit, ein volles Menschenleben bis zum Ende zu führen; nicht vorzeitig zu sterben oder zu sterben, bevor das Leben so reduziert ist, dass es nicht mehr lebenswert ist.
2. Die Fähigkeit, sich guter Gesundheit zu erfreuen; sich angemessen zu ernähren; eine angemessene Unterkunft zu haben; Möglichkeiten zu sexueller Befriedigung zu haben; sich von einem Ort zu einem anderen zu bewegen.
3. Die Fähigkeit, unnötigen Schmerz zu vermeiden und friedvolle Erlebnisse zu haben.
4. Die Fähigkeit die fünf Sinne zu benutzen, sich etwas vorzustellen, zu denken und zu urteilen.
5. Die Fähigkeit, Bindungen zu Dingen und Personen außerhalb unser selbst zu haben; diejenigen zu lieben, die uns lieben und für uns sorgen, und über ihre Abwesenheit traurig zu sein; allgemein gesagt: zu lieben, zu trauern, Sehnsucht und Dankbarkeit zu empfinden.
6. Die Fähigkeit, sich eine Vorstellung vom Guten zu machen und kritisch über die eigene Lebensplanung nachzudenken.
7. Die Fähigkeit für andere und bezogen auf andere zu leben, Verbundenheit mit anderen Menschen zu erkennen und zu zeigen, verschiedene Formen von familiären und sozialen Beziehungen einzugehen.
8. Die Fähigkeit, in Verbundenheit mit Tieren, Pflanzen und der ganzen Natur zu leben und pfleglich mit ihnen umzugehen.
9. Die Fähigkeit, zu lachen, zu spielen und Freude an erholsamen Tätigkeiten zu haben.
10. Die Fähigkeit, sein eigenes Leben und nicht das von jemand anderem zu leben.
10 a. Die Fähigkeit, sein eigenes Leben in seiner eigenen Umgebung und seinem eigenen Kontext zu leben

Quelle:

Aufgabe

Impulse zur Auswertung:

  1. Wo siehst Du / seht ihr euch bestätigt?
  2. An was habt ihr nicht oder noch nie gedacht und woran mag das liegen?
  3. Martha Nussbaum hat diese Liste ursprünglich im Kontext von Entwicklungsländern erstellt. Macht daraus eine Prioritätenliste, die genauer auf moderne Industrie-Gesellschaften zugeschnitten sein könnte. Welche „Fähigkeiten" sollten dafür in den Vordergrund gestellt werden?

Fähigkeiten und Gerechtigkeit

„Diese zehn Fähigkeiten allen Bürgern verfügbar zu machen, ist notwendige Bedingung gesellschaftlicher Gerechtigkeit."
M. Nussbaum: Neue Wege zur Verbesserung menschlicher Lebensqualität (Verlag Karl Alber Freiburg/München 2015 S. 48

Vergleiche diese Aussage mit anderen Gerechtigkeitsformeln: Gerechtigkeit herrscht,

  • wenn alle das Gleiche haben oder bekommen! (Jedem das Gleiche)
  • wenn alle nach ihren Bedürfnissen behandelt werden. (Jedem nach seinen Bedürfnissen)
  • wenn jeder das Seine erhält. (Jedem nach seiner Natur)
  • wenn alle gesetzestreu sind. (Jedem nach Maßgabe des Gesetzes)
  • wenn alle das gleiche Unrechtsempfinden haben (I. Kant)
  • wenn alle Taten belohnt oder bestraft werden. (Jedem nach seinen Werken)

Fähigkeiten und Tätigkeiten

„Eine Fähigkeit ist … eine Art von Freiheit: nämlich der substantiellen Freiheit, alternative Kombinationen von Tätigkeiten zu verwirklichen. Bei ihnen handelt es sich ... nicht einfach um der Person immanente Fähigkeiten, sondern auch um Freiheiten oder Möglichkeiten, die durch eine Kombination von personalen Fähigkeiten und dem politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Umfeld entstehen.” (S.29)

„Fähigkeiten sind bedeutsam, weil sie den Weg eröffnen, der zu Tätigkeiten führen mag." (S.33)

„Der Fähigkeitenansatz [...] fragt, welche der vielen Dinge, die Menschen die Fähigkeit zu tun entwickeln könnten, wirklich wertvolle Dinge sind, jene, die eine minimal gerechte Gesellschaft bemüht sein wird, zu fördern und zu unterstützten.[…] An dieser Stelle bringe ich den Begriff der Würde und eines angemessenen Lebens ins Spiel …” (S.37)

M. Nussbaum: Neue Wege zur Verbesserung menschlicher Lebensqualität (Verlag Karl Alber Freiburg/München 2015

Meinung
  • Was sind ethisch besonders wünschenswerte Fähigkeiten und Tätigkeiten?
  • Erstellt in eurer Gruppe eine Liste.

Einordnungen: Martha Nussbaum als "Aristotelikerin"

„Nussbaum bezeichnet sich als Aristotelikerin und stellt die Frage nach dem guten Leben in den Mittelpunkt ihrer Arbeiten zur praktischen Philosophie. Ursprünglich Altphilologin, bezieht sie sich stark auf die Philosophie des Aristoteles und der Stoa [...] Sie ist bekannt für den Capability Approach (Fähigkeiten-Ansatz) in der Entwicklungspolitik, den sie zusammen mit Amartya Sen entwickelte."
(Wikipedia.de, Stand 12. August 2026)

Zur Erinnerung:
  1. Wie hat Aristoteles das "gute Leben" erklärt und definiert?
  2. Schaut in euren Aufzeichnungen nach oder direkt in der Nikomachischen Ethik: Buch I, Abschnitt 6-8, Reclam S. 16ff
  3. Wie ordnet Martha Nussbaum die Philosophie des Aristoteles vom "guten Leben" aus heutiger Sicht ein? ( Stichworte)

Vertiefungen: Martha Nussbaum und die „Gerechtigkeit für nicht-menschliche Tiere”

Martha Nussbaum hat ihre Überlegungen zur Gerechtigkeit auch auf "nicht-menschliche Tiere" angewendet.

„Ich behaupte, dass die Idee gesellschaftlicher Gerechtigkeit grundsätzlich an eine zumindest minimale Empfindungsfähigkeit (insbesondere die Fähigkeit, Schmerz zu empfinden) sowie an die zugehörige Fähigkeit des Strebens und einer Art von Handeln gebunden ist. Intuitiv gesehen scheint mir die Vorstellung, Tieren gegenüber ungerecht sein zu können, ähnlich Sinn zu machen wie die Vorstellung, Menschen können gegenüber Menschen ungerecht sein. Für Wesen beider Art gilt, Schmerz und Leid erfahren zu können und beide versuchen zu leben und zu handeln - Vorhaben, die ungerechterweise vereitelt werden können. Gerechtigkeit ist ... mit der Vorstellung erfahrenen Leids ... verknüpft."
M. Nussbaum: Neue Wege zur Verbesserung menschlicher Lebensqualität (Verlag Karl Alber Freiburg/München 2015 S. 157

Nehmt dazu Stellung!

Materialien und Anregungen



Überblick Philosophinnen