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Gertrud Nunner-Winkler

Aus ZUM-Unterrichten

Gertrud Nunner-Winkler (geb 1941 in Nürnberg) ist eine deutsche Soziologin und Philosophin der Frankfurter Schule. Über 35 Jahre war sie an Max-Planck-Instituten in Starnberg und in München tätig, darunter auch von 1971-81 als wissenschaftliche Mitarbeiterin von Jürgen Habermas. Sie ist seit 2001 Professorin an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Die Scherpunkte ihrer Forschung sind Moral, Identität und Geschlechterrollen.

Kohlberg-Schema

Aufgabe
  1. Lies den Text.
  2. Beschreibe die Beispiele, die im Text genannt werden und die zu unterschiedlichen moralischen Urteilen führen.
  3. Erläutere, was Nunner-Winklers flexiblen Urteile für Kohlbergs Stufenschema der Moralentwicklung bedeutet.
  4. Positioniere dich begründet zur Kritik von Nunner-Winkler.

Zitat

"Nunner-Winkler postuliert entsprechend, dass jeder Mensch sowohl zu rigideren als auch zu flexibleren Urteilen fähig sei - je nachdem, wie vertraut der:die Proband:in mit dem Kontext des moralischen Dilemmas sei. So etwa begannen weibliche Probandinnen in einer Studie mit 200 Jugendlichen von Döbert und Nunner-Winkler auf die Frage, wie sie zu dem Recht auf Abtreibung stünden, einen sehr differenzierten moralischen Abwägungsprozess: "Das kommt auf die Umstände an: Wie alt ist die Schwangere? War die Zeugung eine Vergewaltigung?" Auf dieselbe Frage gaben die männlichen Befragten eine deutlich rigidere kategorische Antwort: "Das Recht der körperlichen Selbstbestimmung ist unantastbar!" Oder "Jedes Leben muss ab dem Moment der Zeugung höchsten Schutz erhalten!" Umgekehrt war es, wenn man die Proband:innen nach ihrer Meinung zur Wehrpflicht befragte. Hier argumentierten die weiblichen Teilnehmerinnen kategorisch: "Man soll nicht töten!", oder "Der Staat muss wehrhaft sein!", während die männlichen Teilnehmer kontextsensibler, vielschichtiger - flexibler - abwogen. Je nachdem, mit welchen Kontexten ein:e Proband:in aufgrund seiner:ihrer Sozialisierung - oder eben Rolle - vertrauter war, änderte sich auch die QUalität des moralischen Urteils, das sie darüber fällen konnte." [1]

Zitat
"Ein weiterer Faktor, der Einfluss darauf zu nehmen scheint, ob ein Mensch rigider oder flexibler zu urteilen geneigt ist, ist laut Nunner-Winklers Forschungsergebnissen gerade nicht das Geschlecht, sondern das Alter einer Person. Sie illustriert uns dies am Beispiel der Mülltrenning: Gerade ältere Menschen hätten eine Nichtbenutzung der Container fürs Mülltrennen durchweg abgelehnt, während jüngere Personen durchaus Ausnahmen vorstellbar fanden, welche die Nichtbenutzung der Container rechtfertigen würden. Etwa, wenn die Container so weit weg vom Wohnort stünden, dass der CO2-Ausstoß des Autos bei der Fahrt dorthin den Nutzen der Mülltrennung obsolet machen und aufwiegen würde. Oder aber, wenn die Person zu alt und zu gebrechlich sei, um die Bürde, die die Mülltrennung dann bedeuten kann, auf sich zu nehmen. [2]

Zitat
"Besonders deutlich wird die religiöse Komponente, die laut Nunner-Winkler für die Differenz zwischen Rigidität und Flexibilität verantworlich zu sein scheint und die mit einerzunehmenden Säkularisierung der Gesellschaft an Wirkkraft verlor, aber an einem anderen Beispiel: Gerade ältere Frauen antworteten auf die Frage, wie sie zur Ehescheidung stünden, sehr rigide. Ein Versprechen, das man sich am Traualtar gegebben hat, ist zu halten - auch wenn der Partner die Frau schlägt oder ihr anderweitig Gewalt antut. Sie erklärt sich die Tatsache, dass besonders ältere Frauen so regelorientiert argumentieren, damit, dass weibliche Personen früher der Zugang zu (weltlicher) Bildung deutlich erschwert war, weshalb den Regularien, die durch eine aktive religiöse Praxis von der Kirche im Alltag dieser Personen lebendig gehalten wurden, eine besoner Bedeutsamkeit zukam." [3]


Quellen

  1. Hufgard, Henriette und Steimer, Kristina: Ausgeklammert. Die Philosophinnen der Frankfurter Schule - eine unerhörte Geschichte. München 2023, S. 41f
  2. Hufgard, Henriette und Steimer, Kristina: Ausgeklammert. Die Philosophinnen der Frankfurter Schule - eine unerhörte Geschichte. München 2023, S. 42
  3. Hufgard, Henriette und Steimer, Kristina: Ausgeklammert. Die Philosophinnen der Frankfurter Schule - eine unerhörte Geschichte. München 2023, S. 42f



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