Sprachbildung/Einführung
Warum ist Sprachbildung und Sprachförderung wichtig?
Sprache ist der Schlüssel zu schulischem und beruflichem Erfolg sowie gesellschaftlicher Teilhabe.
Doch Sprache ist kein einfaches Werkzeug! Deshalb ist Sprachbildung und -förderung in der Schule unerlässlich, und zwar als Aufgabe für jedes Fach. Diese Seite stellt eine Einführung für die Lehreraus- oder Fortbildung dar, um über einige Aspekte der Sprachbildung in ein erstes Gespräch zu kommen.
Der Witz[2] (rechts oben) ist ein kleines Beispiel dafür. Der sprachliche Stolperstein ist hier das Verb ausziehen, das mehrere Bedeutungen hat. a) Kleidung ablegen und b) die Heimat verlassen c) eine Wohnung verlassen d) etwas verlängern (einen Tisch oder eine Krankschreibung z . B.). Ausziehen im Sinne von b) ist etwas altertümlich, wir finden es in Märchen (Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen) oder im geschichtlichen Kontext. Normalerweise wird ausziehen im Sinne von entkleiden reflexiv verwendet (sich ausziehen), doch hier wird das Partizip (ausgezogen) genutzt, was die gleiche Form hat. Um den Satz dennoch richtig zu verstehen, braucht man erstens Weltwissen und zweitens man muss wissen, dass ausziehen verschiedene Bedeutungen haben kann.
Sprachbedingte Gründe, die sich auf den Bildungserfolg von Schülern auswirken:
- Unterrichtssprache ≠ Alltagssprache ≠ Bildungssprache ≠ Fachsprache
- Sprachliche Kontexte sind neu bzw. nicht bekannt, Weltwissen fehlt
- Die Unterrichtssprache ist nicht altersgemäß
- Die Sprache des Unterrichts ist nicht die Herkunftssprache
- Kinder wachsen "spracharm" auf
- ...
Was bedeutet Sprachkompetenz, Sprachbildung und Sprachförderung?
- Sprachkompetenz umfasst die Bereiche Sprechen, Zuhören, Schreiben und Lesen.
- Sprachbildung ist der Aufbau von Bildungssprache - eines Sprachniveaus, das eine fachlich kompetente, für evtl. formale Anlässe, themenbezogene und schriftsprachliche Kommunikation ermöglicht. Sprachbildung ist ein schulisches Ziel für alle Kinder und Jugendliche und integrierte Aufgabe in jedem Fachunterricht. (Bildungssprache lernt sich vor allem in der Schule und ist ein Unterschied zur Alltagssprache, bei sich die Kommunizierenden auf das Hier und Jetzt beziehen, umgangssprachlich und mit grammatikalisch verkürzten Strukturen kommunizieren, und sich trotzdem allen Beteiligten der Sinn erschließt.)[3]
- Sprachförderung ist eeine gezielte Intervention, die notwendig wird, wenn im individuellen Sprachstand eines Kindes oder Jugendlichen ein Rückstand zu beobachten ist. Sprachförderung richtet sich an Einzelne oder einen Teil der Lerngruppe.[4]
- Dabei sind die drei Ebenen von Sprache immer zusammen zu denken: Die Wortebene, die Satzebene und die Textebene.[5]
Stolperstein Sprachregister: Sprache kontextgemäß verwenden können
Kontext: sich vorstellen
Unter einem Sprachregister (oder Sprachstil) versteht man das jeweils kontextangemesse Sprachhandeln. Die Wahl des Registers hängt stark vom Adressaten, dem Zweck der Kommunikation und dem Grad der Formalität ab.
→ Mache entwederAufgabe A) oder B)! Du stellst dich als neue Referendarin vor bei deiner zukünftigen Schulleiterin vor. Per Mail oder im Gespräch - was ist der Unterschied?
- AUFGABE A) s. PPP rechts "sich vorstellen"
- AUFGABE B) digitale Aufgabe
Beispiele für Sprachregister
Einige Tipps für sprachsensiblen Unterricht[6]
- Aufgaben nicht nur mündlich erklären, sondern auch schriftlich präsentieren - so bleiben sie über längere Zeit präsent und es gibt mehr Zeit zur Verarbeitung
- Kurze und klare Aufgabenformulierungen mit einen Operator (z. B.: Welche dieser Tiere sind Paarhufer? Unterstreiche!)
- Auf Synonyme verzichten (
a) Berechne die Geschwindigkeit des Skifahrers (...) b) Der Sportler startet (...).besser: a) Berechne die Geschwindigkeit des Skifahrers (...) b) Der Skifahrer startet (...).) - Erwartungshorizont mitteilen (
Fasse die Ergebnisse deiner Recherche zusammen.besser: Fasse die Ergebnisse deiner Recherche in einer Mindmap zusammen.) - Bei produktorientiertem Arbeiten einen Prototyp präsentieren, um den Erwartungshorizont zu verdeutlichen
- Neue bzw. unbekannte Wörter an der Tafel verschriftlichen, dann kann man sie sich leichter einprägen. Bei neuen bzw.. unbekannten Nomen stets den Artikel dazu schreiben, damit die DaZ-Schüler die Chance haben, den richtigen Artikel gleich mitzulernen. (die Laubsäge)
- Fachbegriffe / Fachsprache nicht voraussetzen, sondern erarbeiten und nach Möglichkeit festhalten
- Fachbegriffe / Fachsprache aktiv üben und einfordern
- Sprachkompetenzen stufenweise aufbauen: ausgehend von der Alltagssprache Stück für Stück zur Bildungs- und Fachsprache kommen
- Sprachliche Differenzierung anbieten; dabei gibt es zwei Wege:
- Das sprachliche Material wird an den/die Schüler angepasst: Texte vereinfachen, mehr Bilder einfügen, einfache Sprache nutzen, ...
- Der/die Schüler wird/werden bei Arbeit mit dem Material unterstützt: Worthilfen geben, Satzstrukturen erläutern, metakognitive Strategien sichtbar machen, ...
Ist "Leichte Sprache" als Unterrichtssprache sinnvoll?
Nein. Es mag verführerisch sein, Sprachschwierigkeiten auszuweichen, indem man generell nur Leichte Sprache[7] im Unterricht nutzt. Doch das wäre der falsche Weg. Das Ziel ist, jeden Schüler in seiner Sprachentwicklung zu unterstützen, sowohl diejenigen, deren Sprachstand ihrem Alter entsprechend bereits sehr gut entwickelt ist, als auch diejenigen, bei denen das Gegenteil der Fall ist und die eher gefördert werden müssen. Allgemein im Unterricht nur Leichte Sprache einzusetzen, würde bedeuten, Sprachbildung zu verhindern - und in der Konsequenz Schüler von dem Ziel gesellschaftlicher Teilhabe auszuschließen. In einer sprachlich heterogenen Lerngruppe wird vor diesem Hintergrund sprachliche Differenzierung unumgänglich sein.
Sprachliche Differenzierung
Dieser Satz kann sprachlich Schwierigkeiten bereiten - und zwar all jenen Kindern, die nicht lesen. Denn er steht in der Vergangenheitsform PRÄTERITUM. (Zur Erklärung: Im Deutschen gibt es zwei Vergangenheitsformen, das PERFEKT (ich bin getreten, ich habe gegessen) und das PRÄTERITUM (ich trat, ich aß). Das PERFEKT wird für die mündliche Sprache genutzt, das PRÄTERITUM für die schriftliche. D. h., man begegnet dem PRÄTERITUM beim Lesen - und d. h. im Umkehrschluss, dass Kinder, die nicht lesen oder nicht vorgelesen bekommen haben, die Verbformen im PRÄTERITUM nicht oder unzureichend kennen - insbesondere, wenn es sich um unregelmäßige Verben handelt wie in dem Beispielsatz.)
Wie könnte nun sprachliche Differenzierung aussehen?
a) Das sprachliche Material wird an den/die Schüler angepasst: In diesem Fall könnte der Satz umgeschrieben werden ins PERFEKT: Ayla hat einen Apfel gegessen und ist vor die Tür getreten. Das könnte sinnvoll sein, falls man gerade keine Zeit für die Spracharbeit hat und es vor allem auf den Inhalt ankommt; oder wenn es in der Lerngruppe DaZ-Schüler gibt, die gerade erst das PERFEKT lernen und eine zusätzliche Zeitform eine Überforderung darstellen würde. In aller Regel wäre dieser Satz aber ein gute Gelegenheit, das PRÄTERITUM (unverzichtbar für die Lese- und Schreibkompetenz!) zu üben und deshalb eine Vereinfachung keine gute Idee.
b) Der/die Schüler wird/werden bei Arbeit mit dem Material unterstützt: Eine Unterstützung des Verstehens könnte in diesem Fall durch eine einfache grammatikalische Erklärung erfolgen, durch eine "Übersetzung" und/oder durch eine Visualisierung.
→ AUFGABE:
Angenommen, im Lehrbuch deiner Lerngruppe gibt es diese Aufgabe[8] und du vermutest, dass einige deiner Schüler damit Schwierigkeiten haben werden. Wie könnte eine sprachliche Differenzierung aussehen?
- Überlege, welche Diffenzierungsmöglichkeiten es gäbe:
a) Das sprachliche Material wird an den/die Schüler angepasst: ___________________________
b) Der/die Schüler wird/werden bei Arbeit mit dem Material unterstützt: ___________________________
2. Entscheide dann, welchen Weg du vermutlich (in der Realität ist das abhängig von der Lerngruppe) für den sinnvolleren hälst.
Stolpersteine der deutschen Sprache
Verständnisprobleme können auf der Wort-, Satz- und Textebene liegen.
- Bei der Wortebene geht es darum, dass man ein Wort nicht kennt (im Fremdsprachunterricht spricht man von Vokabeln).
- Bei der Satzebene geht es um Grammatik: Einzelne Wörter ergeben oft noch keinen Sinn. Grammatik ist das System, dass Wörter so miteinander in Beziehung setzt, dass aus einzelnen Wörter komplexe Aussagen werden können.
- Bei der Textebene geht es zum einen darum, wie einzelne Sätze miteinander in Beziehung gesetzt werden, zum Beispiel mit Wörtern wie deshalb, ohne dass etc. Es geht auch um die Textsorte. Denn verschiedene Textsorten haben verschiedene Charakteristika. Die müssen beim Schreiben beachtet werden. Beim Lesen sind sie hilfreich zu erkennen, denn wenn ich die Textsorte eines Lesetextes einordnen kann, habe ich bereits viel verstanden (beispielsweise wenn man einen Kommentar von einem Bericht unterscheiden kann).
Die Ebenen wirken meist zusammen. Im folgenden Beispiel erschließt sich die Bedeutung nur durch die Stellung von um im Satz:
Ich umfahre das Schild. (= Ich weiche aus, damit nichts passiert.) -> umfahren = kein trennbares Verb
Ich fahre das Schild um. (= Ich fahre über das Schild, es liegt nun am Boden und ist kaputt.) -> umfahren (um / fahren)= trennbares Verb, d. h. um steht im Satz immer an letzter Stelle.[9]
Ich fahre um das Schild. (= Ich umkreise das Schild.) -> fahren = ist der Infinitiv, das Verb (Prädikat) wird hier im Satz mit einem Objekt benutzt, in dem die Präposition um steht (vgl.: Ich fahre in die Garage. / Ich fahre um 8 Uhr.). um steht deshalb vor dem Nomen mit seinem Artikel.
Lieslotte Martens hat eine ganz vervorragende Übersicht über Stolpersteine der deutschen Sprache zusammengetragen, inklusive einer jeweiligen Antwort auf die Frage: "Was heißt das für den Unterricht?"
▶ Martens, Lieselotte: Stolpersteine der deutschen Sprache. 2014. https://foermig-berlin.de/materialien/Stolpersteine.pdf
→ AUFGABE: Sucht euch zu zweit einen typischen Stolperstein aus, erarbeitet euch die möglichen Schwierigkeiten sowie die möglichen Umgehensweisen damit im Untericht und stellt sie anschließend im Plenum vor!
Literatur
- Leibniz Universität Hannover (Hrsg.): Sprachliche Register sprachbildung.uni-hannover.de//sprachbildung/Sprachbildung_im_Fach/Baustein_4.pdf
- Martens, Lieselotte (Hrsg.: Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wisenschaft Berlin): Stolpersteine der deutschen Sprache. 2014. https://foermig-berlin.de/materialien/Stolpersteine.pdf
Hinweis der Autorin zum Anliegen der geschlechtergerechten Sprache: Es wird die generische Variante in ihrer genderneutralen Definition verwendet. Das Geschlecht von Sprache als grammatikalische Kategorie ist dabei keinesfalls mit dem biologischen oder sozialen Geschlecht von Menschen gleichzusetzen!
Anmerkungen
- ↑ a) Fachsprache: "Oktave" ist ein Fachbegriff der Musik. Man muss wissen, das eine Oktve acht Töne umfasst. Dann (-> b) Weltwissen) versteht man, dass es bei "Oktave greifen" um Klavierspiel geht und das Erreichen von Tasten, die 8 Tasten weit auseinanderliegen. c) Grammatik: Evtl. (insbesondere für DaZ-Lernende) könnte noch das Prädikat "hätte greifen können" schwierig sein, das im Konjunktiv II Vergangenheit steht und eine vergangene, unreale Möglichkeit ausdrückt. d) Wortschatz: Natürlich muss auch das Wort "greifen" (= etwas (mit der Hand) fassen, packen)' bekannt sein.
- ↑ Quelle: Kinderbeilage des Weserkurieres vom 10.08.2018.
- ↑ Vgl. https://www.sprachbildung.uni-hannover.de/fileadmin/sprachbildung/Sprachbildung_im_Fach/Baustein_4/Praesentation_4_220322.pdf
- ↑ Quelle: Sprachbildungskonzept der Senatorin für Bildung und Wissenschaft, Bremen, 2013.
- ↑ Die Wortebene meint den Wortschatz. Wörter zu kennen ist wichtig, aber sie nützen wenig, wenn man nicht weiß, wie man sie im Satz so benutzt, dass mein Gegenüber mich versteht. Und Sätze formen Texte, deshalb muss ich wissen, welche Merkmale die Textsorte hat, die ich nutzen will. (In diesem Unterrichtsmaterial https://unterrichten.zum.de/wiki/Weihnachtswissen/Traditionen/Glückssymbol/Schwein werden die drei Sprachebenen getrennt betrachtet; deshalb kann das Material evtl. hilfreich sein, um zu verstehen, was mit Wort-, Satz- und Textebene gemeint ist.)
- ↑ Nach S. Dierks und S. Opler (Hrsg.: Landesinstitut für Schule Bremen): Sprachbildung & sprachsensibler Unterricht. 2020.
- ↑ Leichte Sprache ist eine besonders leicht verständliche Form der deutschen Standardsprache. Sie folgt strengen Regeln (wie kurzen Sätzen, einfachen Wörtern und Verzicht auf Fremdwörter) und hilft Menschen mit Lernschwierigkeiten, Demenz oder geringen Deutschkenntnissen, Texte zu verstehen. Vgl. Das Bundesministerium für Digitales und Staatsmodernisierung: Die Leichte Sprache. https://www.barrierefreiheit-dienstekonsolidierung.bund.de/Webs/PB/DE/barrierefreie_it/uebergreifende-anforderungen-web-und-app/leichte-sprache/leichte-sprache-artikel.html.
- ↑ Quelle der Aufgabe: Mathe live 7, 2000, S. 19 (KLETT). Aus: Martens, 2014, S. 6.
- ↑ Verben, die es sowohl als trennbares als auch als nicht trennbares Verb gibt, unterscheiden sich in der Aussprache: die Baustelle umfahren -> fahr wird betont, nicht das Präfix / das Schild umfahren -> das Präfix um wird betont. Diese Regel gilt ausnahmslos.
