Zweier ohne

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KJL

Zweier ohne ist eine Novelle von Dirk Kurbjuweit aus dem Jahre 2001, veröffentlicht als KiWi Paperback 1063. "Zweier ohne" war als Ganzschrift Pflichtlektüre und Prüfungsstoff für das Schuljahr 2013/14 und für die Realschul-Prüfung in Baden-Württemberg 2014. Das Buch umfasst 130 Seiten.

Der Autor

  • Dirk KurbjuweitWikipedia-logo.png * 3. November 1962 in Wiesbaden, ist ein deutscher Journalist und Schriftsteller (Wikipedia-Artikel).

Der Roman

Der Ich-Erzähler Johann schreibt aus der Erinnerung über seine Freundschaft mit dem gleichaltrigen Ludwig. Sie waren 11 Jahre alt, als sie sich kennenlernten, Johann kam neu aus dem städtischen Gymnasium in Ludwigs Klasse, was einem Abstieg glich, aber er war von Anfang an selbstbewusst und ohne Verlegenheit oder Anpassungsproblemen. Obwohl Johann sich wenig um Ludwig bemühte, sondern ihn eher beobachtete, meldet sich dieser nach zwei Wochen per Telefon und lädt ihn zu sich ein. Er wohnt mit Eltern und Schwester Vera an einem Fluss ziemlich direkt unter einer sehr hohen Autobahnbrücke, die sie beide als Mutprobe besteigen. Johann übernachtet bei Ludwig, in der Nacht fällt eine junge Frau von der Brücke, dies ist in diesem Jahr bereits der zweite Selbstmord. Ludwig scheint daran gewöhnt zu sein, für den Erzähler ist das eine verstörende Erfahrung.

Sieben Jahre später, im April, haben sie ihre erste sexuelle Erfahrung mit einer Mitschülerin. Allerdings scheint diese Erfahrung für den Erzähler schöner gewesen zu sein als für Ludwig. Dieser umgeht das Thema, was jedoch nicht zu ihren Vorsätzen passt, denn seit mehreren Jahren trainieren sie nun zusammen im Ruderverein "Zweier ohne" und um darin erfolgreich zu sein, beschließen sie, wie Zwillinge zu werden. Dies verlangt aber, dass sie fortan alles gemeinsam tun und erleben, um den für das Rudern im "Zweier ohne" nötigen absoluten Gleichklang zu finden. Dies haben sie in den Jahren des harten Trainings auch so gut geschafft, dass der Verein eigens für sie ein teures Rennboot angeschafft hat, mit dem sie Erfolge feiern.

Der Sommer, in dem die beiden 18 werden, beginnt kühl, sie trainieren hart und halten sich abseits der Klassenkameraden in einer selbst gewählten Distanz. Johann findet eines Abends die weinende Vera in der Werkstatt ihres Vaters vor, tröstet sie und der Eindruck ihrer scheuen Berührungen wirkt noch länger bei ihm nach. Und eines Abends findet er Vera wieder allein in der Werkstatt und sie schlafen miteinander.

In der väterlichen Werkstatt basteln sie an einem Motorrad, mit dem sie im Herbst gemeinsame Touren zu unternehmen vorhaben. Zu zweit Motorrad zu fahren sei wie "Zweier ohne", meinen sie. Beim Basteln "spinnen" sie weiter an großen Plänen, aber es scheint dem Ich-Erzähler, dass Ludwig immer auch etwas missmutig gelaunt ist. Sie haben ein Rennen gegen die Erzrivalen, ein echtes Zwillingspaar, verloren und trainieren jetzt noch härter. Aber Ludwig fällt es schwer, sein Wettkamp-Gewicht (62,5 kg) zu halten, er muss weniger essen und ist immer hungrig. Johann wohnt jetzt fast schon bei Ludwig, er schläft oft auch dort und trifft sich nachts mit Vera. Tagsüber aber lassen sich beide nichts anmerken. ...


Meinung

So weit so gut.

Man kann sich denken, dass dieses Zwillings-Projekt nicht gut ausgeht, es geht sogar sehr traurig aus, aber dennoch stimmt die Lektüre dieses Romans nicht traurig. Die Erzählweise ist gleichsam von einer sanften Melancholie getragen, der Ich-Erzähler hält die Ereignisse auf Distanz und reflektiert sie aus der Sicht eines Erwachsenen, der weiß, wie es weiterging und dennoch nicht den Kopf schüttelt oder sich zu aufklärerischen Kommentaren genötigt sieht. So wie es war, ist es in Ordnung.

Der aufmerksame Leser bemerkt schon früh, was der Ich-Erzähler Johann nur ahnt: Dass dieser nämlich von seinem Freund gefangen und in Beschlag genommen wird. Und mit der Liebesbeziehung zu Vera hat er sich in eine doppelte Abhängigkeit gebracht bzw. bringen lassen, denn auch Vera hat ihn für sich in Beschlag genommen oder besser: zu sich geholt. So wie der Freund ihn zu immer neuen Mutproben, Abenteuern und Aufopferung zwingt, so zieht sie ihn in ihren erotischen Bann, denn sie ist die aktive.

So gerät er zwischen die beiden Pole, wobei er doch nur will, was sich jeder männliche Jugendliche in diesem Alter besonders wünscht: Einen besten Freund und eine aufregend-schöne Liebesbeziehung. Johann bekommt beides und das eine schließt das andere aus. Aber der Ich-Erzähler erlebt dies auch nachträglich nicht als Überwältigung, er schildert die Ereignisse so, wie er sich erinnert, wie er sie damals wahrnahm. Die Bewertung bleibt dem Leser überlassen.

Diese Geschichte hat alles, was eine Novelle ausmacht: die Kürze, die Konzentration auf wenige Personen, die dramatische Struktur und Motive oder Gegenstände von deutlicher Symbolik. Da ist der Fluss und die Harmonie der Ruderer, da ist die Autobahnbrücke mit ihren tödlichen Gefahren, da ist das Motorrad als Verheißung von Freiheit, da ist das Turmbau-Projekt als noch kindliches Luftschloss, das überwunden werden muss.

Die Geschichte hat auch alles, was einen Adoleszenzroman auszeichnet: Die Verheißungen und die Gefahren des Erwachsen-Werden-Wollens bei gleichzeitiger Distanz zu den Erwachsenen in der eigenen Umgebung: Die Eltern, die Lehrer, die Polizei.

Und schließlich: In diesem Roman fehlt es nicht an erotischen Fantasien und sexuellen Erfahrungen, es ist viel von Brüsten die Rede, die Liebesbeziehung wird vor allem als Liebesakt dargestellt. Das mag wohl der Grund dafür gewesen sein, dass das Kultusministerium in Baden-Württemberg den Realschulen im Schuljahr 2013/14 zwischen zwei Lektüren die Wahl lässt: Sie - bzw. die LehrerInnen - können / mussten sich entscheiden zwischen Dirk Kurbjuweits "Zweier ohne" und Max Frischs "Andorra". Was für eine Wahl!

-- Klaus Dautel

Hilfen

Das Lehrerheft enthält neben dem ausführlichen Unterrichtsteil unter Einbezug des Schülerheftes Schreibaufgaben mit Lösungsvorschlägen sowie Institutionen und Kontaktadressen. Aus dem Inhalt:
Analyse der Novelle „Zweier ohne“, Erzählstruktur und novellistische Gestaltung. - Aufbau, Figuren und Motive. - Die Entstehungsgeschichte der Novelle - Dirk Kurbjuweit über „Zweier ohne“. - Die Verfilmung der Novelle von Jobst Christian Oetzmann im Unterricht. - Unterrichtsanregungen, Einsatz des Schülerheftes mit dazu gehörigen Lösungen. - Schreibaufgaben: Analyse und Vorbereitung, Musterlösungen
Das Schülerheft bietet Schreibaufgaben mit Hilfestellungen, Werkstattgespräch mit dem Autor Dirk Kurbjuweit sowie weitere hilfreiche Einheiten zur Inhalts- und Verständnissicherung
  • Mareike Jänsch: "Zweier ohne - Die Geschichte einer bedingungslosen Freundschaft" als Literaturverfilmung im Deutschunterricht (Studienarbeit aus dem Jahr 2011 im Fachbereich Deutsch Universität Duisburg-Essen, 60 Seiten (ISBN 9783656066224)

Verfilmung

  • Verfilmung 2008 - eine Besprechung von Christian Horn aus www.filmstarts.de
"Bei der Inszenierung hat Jobst Christian Oetzmann viel Wert auf metaphorische Elemente gelegt: die wohl größte Metapher des Films ist das Zweier-ohne-fahren, das letztlich die gefährliche Entwicklung zwischen den beiden Protagonisten versinnbildlicht. Daneben findet sich das Motiv der Brücke: Eine nie fertig gestellte Autobahnbrücke verläuft direkt über Ludwigs Elternhaus, in dem er mit Vater und Schwester lebt..."
  • filmernst-Unterrichtsmaterial Zweier Ohne (pdf) - Medienpädagogisches Begleitmaterial, Gemeinschaftsproduktion des Filmverbandes Brandenburg e.V. und des Landesinstituts für Schule und Medien Berlin-Brandenburg (LISUM), Autorin: Erna Schmidt 2009 (www.filmernst.de)

Sonstiges

  • Über die Novelle als literarische Form:
Novellen (= novella (ital.) Neuigkeit) sind Erzählungen,
- welche kürzer sind als ein Roman,
- keine Nebenhandlungen und nur wenige Hauptfiguren (=Protagonisten) haben.
- Die Handlung konzentriert sich auf ein plötzliches, krisenhaftes Ereignis, durch welches der Lebensweg des Protagonisten eine schicksalshafte Wendung erfährt.
- Die Struktur der Novelle ist der des Dramas ähnlich: Exposition - Hinführung zur - Krise - Verzögerung - Lösung/Katastrophe
"Der Zweier ohne ist die technisch anspruchsvollste Bootsklasse. Das liegt zum einen an der Schwierigkeit, das Gleichgewicht zu halten: Ruderboote werden vor allem durch die Ruder im Gleichgewicht gehalten. Im Zweier ohne ist jeder Ruderer allein für eine Seite verantwortlich und muss sich daher voll auf seinen Partner verlassen."
"Der Ruderer Bahne Rabe war ein schweigender Kämpfer. Ohne große Worte rackerte er sich ab für den Olympiasieg im Achter, still und einsam hungerte er sich nach seinem Karriereende zu Tode. Warum nur? ..."