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Sprachbildung/Mehrsprachigkeit/GedichteinzweiSprachen/MeinBaum

Aus ZUM-Unterrichten
Der Dichter Orhan Veli lebte von 1914-1950. Er wurde in Istanbul geboren und wuchs in Ankara auf. Dieses Gedicht schrieb er 1937.[1]

Gedichte in zwei Sprachen

Dieses Material stellt zwei Gedichte des türkischen Dichters Orhan Veli vor, und zwar sowohl auf Deutsch als auch auf Türkisch. Diese Gedichtearbeit ist ein Beispiel dafür, wie die Mehrsprachigkeit von Schülerinnen und Schülern in den Unterricht einbezogen, gefördert und wertgeschätzt werden kann.[2]

Ağacım / Mein Baum (für Jhg. 4/5)

Ağacım / Mein Baum

  • Gedicht (vor-)lesen
  • Wovon erzählt das Gedicht?
Aufgabe: Schreibe selbst ein Gedicht im Stil von Orhan Veli und nutze sein Gedicht als Gerüst!

Arbeitsvorschläge zur Erarbeitung

  • Eine (Fantasie-)Biografie rekonstruieren: Wie könnte der Dichter aufgewachsen sein (oder was könnte er beobachtet haben), um dieses Gedicht zu schreiben?
  • Fotos oder Bilder vom eigenen Stadtteil: Betrachtet euren eigenen Stadtteil durch die "Brille" dieses Gedichts und haltet es künstlerisch fest.
  • Illustriere das Gedicht mit einem Bild, dass du von der KI anfertigen lässt: Überlege dir zuerst, wie das Ergebnis aussehen soll, und dann, welche Prompts du der KI geben musst.
  • Hüpfspiele: Welche Hüpfspiele kennt ihr? Spielt sie auf dem Schulhof!
  • Selbst ein Gedicht schreiben: Schreibe ein eigenes Gedicht nach dem Gerüst von Mein Baum! (Vgl. Arbeitsblatt rechts)
  • Sprachvergleichende Betrachtungen: Warum besteht die türkische Überschrift aus einem Wort und die deutsche Übersetzung aus zwei? Wenn Ağacım "Mein Baum" bedeutet, können wir dann aus der Zeile güzel ağacım ableiten, was "güzel" bedeutet? Das Wort başka kommt zwei Mal vor (2. Zeile und letzte Zeile), was könnte es bedeuten?

Kleine Türkisch-challenge!

Ihr könnt allein (gegen den Computer) oder mit anderen spielen.



Wörterkiste

Von links nach rechts und von oben nach unten sind 12 Wörter versteckt. (Klicke auf das kleine rot-weiße Symbol oben rechts in der Ecke, dann wird die komplette Wörterkiste auf dem Bildschirm vergrößert angezeigt.)


Kuyruklu Şiir / Die Straßenkatze (für Jhg. 7)

Kuyruklu Şiir / Die Straßenkatze

  • Wovon erzählt das Gedicht?
  • Wer ist das "lyrische Ich"?
  • Wie lebt eine Metzgerkatze (jedenfalls in der Vorstellung der erzählenden Figur), wie lebt eine Straßenkatze?
  • Was ist gemeint mit "dein Futter ist im verzinnten Napf, meins im Maul des Löwen"?
  • "Du träumst von der Liebe, ich vom Knochen." - Warum? Was will der Dichter damit ausdrücken?
  • "Jeden Tag mit dem Schwanz zu wedeln" ist eine Metapher, ein sprachliches Bild. Was ist damit gemeint?
  • Beantwortet die Frage Wovon erzählt das Gedicht? noch einmal!
  • Sprachvergleichende Betrachtungen: Was heißt auf Türkisch du und ich?[3] Was heißt kolay değil? Das ğ ist ein türkischer Buchstabe, den wir im deutschen nicht kennen. Wie wird er ausgesprochen?[4] Aslan heißt Löwe, das ist ein häufiger Nachname. Rüya heißt Traum, das ist auch ein Mädchenvorname.[5]
Die Straßenkatze / Kuyruklu Şiir auf Türkisch (gelesen von Ali Özgüley)

Arbeitsvorschläge zur Erarbeitung

  • Lerne das Gedicht auswendig (entweder auf Deutsch oder auf Türkisch) und sprich es vor der Klasse vor. Überlege dir vorher, wie du mit Betonung, Sprachfluss und Pausen, Mimik und Gestik den Inhalt betonen kannst.
  • Stelle das Gedicht als Collage dar! (Nutze alte Zeitschriften, aus denen du Bilder rausreißen oder -schneiden kannst. Klebe sie auf eine große Pappe, so dass ein Kunstwerk entsteht, dass die Aussage des Gedichts darstellt!)

Biografisches Arbeiten mit Orhan Veli

"In meinem 1. Lebensjahr fürchtete ich mich vor Fröschen, im 2. kam ich hinaus in die 'Fremde'. In die Schule kam ich mit 7. Als ich 9 war, packte mich plötzlich die Lust zu lesen; die zu schreiben mit 10. Im 13. Lebensjahr lernte ich Oktay Rifat, im 16. Melih Cevdet kennen. 17 Jahre war ich, als ich in Bars ging. Mit 18 fing ich an, Raki zu trinken. Mit 19 begann meine Vagabundenzeit. Nach meinem 20. habe ich Geld verdienen und Not ertragen gelernt. Einen Autounfall hatte ich mit 25. Ich war immer heftig verliebt, aber habe nicht geheiratet. Jetzt (...)."
  • Schreibe eine eigene Biografie im Stil von Orhan Veli!

Hinweise für Lehrer/innen

zum Dichter Orhan Veli

Orhan Veli, auch Orhan Veli Kanık genannt, ist ein türkischer Dichter der Moderne, der sich (wie auch der zwölf Jahre ältere Nazım Hikmet) von der traditionellen Diwan-Poesie radikal absetzte. Das neue Element in seinen Gedichten war der völlige Verzicht auf Metaphern und Symbole, Reim und Metrum. Das Wort sollte "zu sich zurückgeführt werden. Wörtlichkeit, Spontanität und Einfachheit wurden zu den Hauptkriterien" dieser Lyrik.[7] Orhan Veli versteht es, "die Umgangssprache und die täglichen Lebensinhalte, die einfachsten Gedanken und Gefühle in Poesie zu verwandeln".[8] Vgl. auch: wikipedia/Orhan_Veli

zu dem Gedicht Mein Baum

Das 1937 in Ankara entstandene Gedicht Mein Baum erzählt von der freundschaftlichen, liebevollen Beziehung, die ein Kind zu einem Baum in seinem Stadtteil aufgebaut hat. Der Grund für die Zuneigung wird mit kindlicher Aufrichtigkeit offengelegt: "Wenn es außer dir noch einen Baum gegeben hätte, hätte ich dich nicht so geliebt." Die Sypathie und Liebe zu dem Baum liegen in dessen Einzigartigkeit begründet - und wohl auch in der Einsamkeit des Kindes. Die Einsamkeit des Baumes dürfte auch das Kind erlebt haben. Es sieht intuitiv eine Spiegelung der eigenen Einsamkeit, identifiziert sich mit dem Baum und möchte die Einsamkeit durchbrechen: "Wenn du mit uns zusammen das Hüpfspiel zu spielen gewusst hättest, hätte ich dich noch mehr geliebt."

Mein Baum / Ağacım auf Türkisch (gelesen von Ali Özgüley)

Die Liebe und Freundschaft in diesem Gedicht enthüllen eine verborgene Melancholie in der kindlichen Heiterkeit, ein lakonisches nicht-tragisch-Nehmen. Und doch ist der Gedanke, dass der Baum eines Tages vertrocknen könnte, für das Kind schwer erträglich: "Wenn du vertrocknest, werden wir hoffentlich in einen anderen Stadtteil umgezogen sein." Um die Einsamkeit zu bannen, will es den Baum lebendig sehen, auch in seinen künftigen Erinnnerungen. In diesem Sinne ist das Gedicht ein flüsterndes Aufstehen gehen die Einsamkeit in der Großstadt.[9]

zu sprachvergleichenden Betrachtungen anhand von Mein Baum

Das türkische Wort ağacım besteht nur aus einem Wort, weil an das Nomen ağaç die Possessivendung -m (= mein) angehängt wird. Dabei wird ç zum weichen c und es wird ı als Bindevokal zwischengeschoben.

Ağacım wird in der 8. Zeile noch einmal erwähnt, diesmal übersetzt mit mein schöner Baum, woraus die Kinder schließen können, dass schön auf türkisch güzel heißt.

Das Wort başka bedeutet andere(n).

Im Türkischen werden (im Gegensatz zum deutschen oder anderen westeuropäischen Sprachen, das Finnische kennt dieses Prinzip jedoch ebenfalls) Possessivpronomen und Präpositionen oft an das Nomen angehängt. Beispiel: mahalle = Stadtteil / mahallemiz = unser Stadtteil / mahallemizde = in unserem Stadtteil.[10]

Bildungswert dieser kleinen Sequenz

Um die Sprachen, die die Kinder einer Lerngruppe sprechen, wertzuschätzen und sichtbar zu machen, kann der Unterricht für Gedichte in diesen Familiensprachen geöffnet werden und können Gedichte sowohl im Original als auch in der deutschen Übersetzung betrachtet werden. So kann den verschiedenen Sprachen der Kinder Prestige verliehen und ihrer Zwei- oder Mehrsprachigkeit Anerkennung gezollt werden.[11] Zudem können kulturelle und sprachvergleichende Betrachtungen angestellt werden, um Interesse für die Sprachen und wiederum für die Texte zu wecken.[12] Gedichte entziehen sich oftmals dem raschen Verstehen, und viele Menschen haben eine ablehnende Haltung gegenüber Gedichten.[13] Damit die Arbeit mit Gedichten ein Erfolg werden kann, sollte den Kindern zunächst einmal ein positiv besetzter Zugang zu dieser Textsorte eröffnet werden - mit einer spielerischen und handlungs- bzw. produktorientierten Herangehensweise beispielsweise.

Einbindung dieser Sequenz in eine Unterrichtseinheit

Die Stunde entstand im Rahmen einer UE zum Thema GEDICHTE in einer 5. Klasse. Jedes Kind, das mindestens einen Elternteil mit einer anderen Erstsprache als Deutsch hatte und deshalb zwei- oder mehrsprachig aufwächst, durfte ein Gedicht in dieser Sprache mitbringen (oder es wurde von mir als Lehrerin eines mitgebracht). Im Unterricht wurde das Gedicht jeweils sowohl in der Originalsprache als auch auf Deutsch behandelt. Am Ende der Unterrichtseinheit stand ein Gedichteabend für die Eltern.[14]

Literatur & mehr

  • Häcker, Sabine: Gedichte in zwei Sprachen. In: PRAXIS DEUTSCH, September 1999, Heft 157 (Hrsg: Friedrich Verlag).
  • Andresen, Ute: Versteh mich nicht so schnell. Gedichte lesen mit Kindern. Weinheim 1995.
  • Pazarkaya, Yüksel (Hrsg. und Übersetzer): Fremdartig / Garip. Gedichte in zwei Sprachen von Orhan Veli Kanık. Frankfurt a. M. 1985 (Dağyeli Verlag).


Weitere Materialien der Autorin Sabine Häcker:


Anmerkungen

  1. ↑ Das "Foto" wurde mit der KI generiert (S. Häcker).
  2. ↑ Mehrsprachigkeit ist nicht nur vor dem Hintergrund der Globalisierung eine zukunftsrelevante Ressource, die Entwicklung der Herkunft- oder Familiensprache ist auch für die intellektuelle, sprachliche und persönliche Entwicklung von Relevanz. Ihre Wertschätzung zeigt Respekt und kann die Lern- und Leistungsbereitschaft von Kindern fördern sowie dazu ermutigen, die Herkunftssprache auch als Schriftsprache auszubilden. (Vgl. Senatorin für Bildung und Wissenschaft Bremen: Sprachbildung. 2013.)
  3. ↑ sen = du / ben = ich
  4. ↑ kolay değil = nicht einfach (kolay = einfach, değil ist die Verneinung) Der Buchstabe ğ wird so ähnlich ausgesprochen wie ein Dehnungs-h im Deutschen. Zum Beispiel Erdoğan (türk. Staatspräsident).
  5. ↑ Der Titel "Kuyruklu Şiir" bedeutet übrigens wörtlich übersetzt: "Gedicht mit Schwanz" oder "beschwänztes Gedicht". Da sich das auf Deutsch jedoch seltsam anhört, wurde keine wörtliche Übersetzung gewählt.
  6. ↑ Nach Pazarkaya, 1985, S. 219.
  7. ↑ Pazarkaya, 1985, S. 103.
  8. ↑ Pazarkaya, 1985, Klappentext. In: Häcker, 1999, S. 45.
  9. ↑ Häcker, 1999, S. 45.
  10. ↑ Bei solchen sprachvergleichenden Betrachtungen können zweisprachige Kinder ihre Familiensprache in den Unterricht einbringen und Anerkennung erfahren. Allerdings werden die Kinder keine grammatikalischen Erklärungen liefern können, da sie die Sprache intuitiv gelernt haben - genau wie die meisten Deutschen die deutsche Sprache zwar sprechen, aber ihre Phänomene nicht erklären können. Man sollte an dieser Stelle also keine Erklärungen erfragen, sondern sehr behutsam darauf achten, dass es keinesfalls zu einer Bloßstellung kommen - denn dann wäre das Ziel der Stunde verfehlt. Eventuell ist auch gezieltes Übersetzen schwierig, da dies intuitiv praktiziert wird und evtl. nicht auf Abruf möglich ist. Hier gilt es sehr sensibel zu sein! (Vgl. Häcker, 1999, S. 48.)
  11. ↑ "Herkunftssprachen fördern, Mehrsprachigkeit entwickeln" ist einer der Grundsätze, der im Bremer Sprachbildungskonzept genannt werden, um Sprachbildung in den Schulen zu fördern. (Senatorin für Bildung und Wissenschaft Bremen: Sprachbildung. 2013.)
  12. ↑ Vgl. Häcker, 1999, S. 45.
  13. ↑ Vgl. Andresen, 1995, S. 10 ff.
  14. ↑ Häcker, 1999, S. 45. Erfahrungen: Die Kinder haben überwiegend positiv auf die fremden Sprachen reagiert. Es wurde ein thailändisches, ein türkisches (s. o.) und ein englisches Gedicht behandelt. Die einsprachig aufwachsenen Kinder fanden es interessant, Unterschiede in Schrift und Aussprache festzustellen und die Gedichte in der fremden Sprache zu hören. Die Kinder, deren Sprachsituation dabei thematisiert wurde, reagierten jedoch nicht ganz so unbeschwert - ihr Verhalten war ausgesprochen ambivalent. Einerseits hatten sie an dem Gedicht in ihrer Familiensprache ein besonderes Interesse, andererseits fiel es ihnen schwer, zu dieser Sprache zu stehen. Einerseits konnten sie es nicht abwarten, dass "ihr" Gedicht nun drankommen würde, andererseits behaupteten sie dann, es "doof" zu finden. Das hat mich zuerst sehr überrascht. Später wurde mir klar, dass das eine unbewusste Vorsichtsmaßnahme war: Sie wollten einer möglichen Abwertung zuvorkommen. Solch ein Verhalten ist wohl eine Reaktion darauf, dass Kinder mit Migrationshintergrund sehr oft erleben, dass ihre bilinguale Situation als Defizit gesehen und abgewertet wird. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von Linguizismus. (Denn das Prestige von Sprachen ist i. d. R. von den politschen und wirtschaftlichen Machtverhältnissen ihrer Sprecher abhängig.) Als Lehrer muss man dementsprechend behutsam mit dem Thema Zwei- bzw. Mehrsprachigkeit umgehen (vgl. Häcker, 1999, S. 48).