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Spivak/Can the subaltern speak?

Aus ZUM-Unterrichten

Texterarbeitung
  1. Lies den Text.
  2. Definiere in eigenen Worten, was Spivak unter "Subalternen" versteht.
  3. Erkläre die Sprachlosigkeit der Subalternen.
  4. Nenne Beispiele für die zwei Arten politischer Repräsentation.


Den Begriff entnimmt Spivak in Gramscis Gefängnisheften, einem italienischen Autor, der sie in der Kerkerhaft während Mussolinis faschistischem Regime 1929-1935 verfasste. Ursprünglich waren damit militärische Dienstgrade bezeichnet, die untergeordnete Offiziere bezeichneten. Gramsci übertrug den Begriff auf diejenigen, die keiner hegemonialen Klasse im ländlichen Süden Italiens angehören. Gramsci wendet sich bereits gegen eine marxistische Auffassung, der nur die städtische Arbeiterklasse als Proletarier ansprach (ländliche Bevölkerung galten Marx als unorganisiert, spontan, sporadisch, inkonsistent, vorpolitisch – und damit für die Revolution unbrauchbar). Eine subalterne Gruppe wird nach Gramsci, dem sich Spivak anschließt, nicht nur durch ökonomische Verhältnisse marginalisiert, sondern ist von einer Vielzahl heterogenen Ausschließungen betroffen. Es kann damit nur als relationaler Begriff zur Mehrheitsgesellschaft (als eine historische Einheit sowohl in politischer als auch in ziviler Hinsicht) verstanden werden. Subalterne Gruppen sind gekennzeichnet durch eine

  • fragmentierte Gruppierung
  • mangelnde Autonomie
  • fehlende organische Intellektuellen
  • strukturelle und ökonomische Ausgrenzung
  • episodisch, durch Spontanität geprägt
  • fehlendes Selbstbewusstsein als Klasse

Gramsci sieht es als politisches Ziel, subalterne Gruppen durch Organisation und eine Allianz mit ihnen in politische Prozesse einzubinden. Genau dort hakt Spivak ein. Sie diagnostiziert, dass genau das zwar wünschenswert, aber nicht möglich ist. Als Grund führt sie mehrere an: den Hauptgrund zeigt sie in ihrem Essay Can the subaltern speak? auf. Er gehört übrigens zu den am meisten zitierten Aufsätzen der zeitgenössischen Geisteswissenschaften.

Politische Repräsentation, so sagt sie, hat eine doppelte Bedeutung: einerseits das Darstellen (repräsentieren als Bild / Erzählung – sprechen von) und Vertreten (politisch für jemanden sprechen). Spivak ist der Meinung, dass eine der wichtigen Einsichten, auch der poststrukturalistischen Theoriebildung, ist, das was man im Sinne von Hegel als Vermittlung bezeichnen könnte, dass uns die Welt immer durch Zeichensysteme zugänglich gemacht wird. Und dass es deswegen wichtig ist, sich in diesen Zeichensystem zu bewegen. Der Subalterne steht diese Fähigkeit komplexe Zeichensysteme zu nutzen nicht zur Verfügung steht. Sie also in diesem Sinne nicht sprechen können. Nicht sprechen können, darüber denkt sie auch ausführlich nach, weil sie das Gefühl hat, dass diese Formulierung von ihr immer wieder falsch verstanden wird. Damit meint sie nicht, dass es einfach darum geht, dass Menschen nicht reden können.

Menschen können reden. Aber sie will damit sagen, es gibt keinen Resonanzraum, in dem sie das sagen können, was ihre Zielsetzung ist, wie sie sich selbst handlungsfähig machen und wie sie gehört werden. Das heißt, das, was sie sagen, stößt nicht auf Gehör oder es wird sogar zum Verstummen gebracht. Oft gibt es zwar Sichtbarkeit, aber ohne Sprechmacht.

Es gibt demnach drei Möglichkeiten der Machtausübung:

(1) jemanden zum Verstummen bringen,
(2) jemanden am Sprechen hindern
(3) nicht zuhören

Es ist wichtig, diese Dynamik von Macht gegenüber subalternen zu hinterfragen.

Ein Kernstück von „Can the Subaltern Speak?“ ist Spivaks Analyse der Debatten um „Sati“ (Witwenverbrennung) im britisch kolonialen Indien.

„Sati" nennt man die historische Praxis, dass eine Witwe beim Tod ihres Mannes auf seinem Scheiterhaufen stirbt. Der Begriff bedeutete ursprünglich ‚die Tugendhafte‘ und wurde später auf die Witwe übertragen, die diesen Tod vollzieht. Wichtig: Das war nie eine durchgängige, ‚typisch hinduistische‘ Norm, sondern eine regional und sozial begrenzte, immer umstrittene Praxis. Schon 1829 hat die britische Verwaltung Sati in Bengalen verboten; 1987 hat Indien ein scharfes Präventionsgesetz erlassen, das Sati und seine Verherrlichung verbietet. Spivak interessiert daran weniger die Frage, ob Sati ‚freiwillig‘ oder ‚barbarisch‘ ist, sondern wie zwei starke Deutungsrahmen – koloniale Rettungsrhetorik und lokaler Patriarchalismus – die Stimmen der betroffenen Frauen überlagern. Spivak bringt damit etwas in die Diskussion, was auch in den vergangenen Jahren vielfach Thema wurde: „Weiße Männer schützen braune Frauen vor braune Männern“. Ob als Heldin oder als Opfer gefasst: Es wird über sie gesprochen, nicht von ihnen.

Spivak schärft ihre Frage an einem Fall aus der eigenen Familie: Bhuvaneswari Bhaduri, ihre Großtante, war in einer antikolonialen Gruppe aktiv. Sie sollte einen politischen Mord begehen, verweigerte das und nahm sich 1926 das Leben – durch Erhängen, nicht durch Verbrennung. Spivak deutet diesen Tod als bewusst ‚geschriebenen‘ Text: Bhaduri wählte den Zeitpunkt ihrer Menstruation, damit der Akt nicht als Folge einer unerwünschten Schwangerschaft oder eines Liebesdramas gelesen wird, sondern als politisches Statement. Doch in Familie und Nachbarschaft setzte sich genau diese private Deutung durch. Für Spivak zeigt das: Selbst wenn eine subalterne Frau versucht, sich lesbar zu machen, trifft sie auf Deutungsordnungen, die ihr Sprechen umlenken oder übertönen. Das nennt Spivak epistemische Gewalt – und stellt die Frage neu: Kann die Subalterne sprechen, und wer hört eigentlich zu?

(Zusammenfassung: Mandy Schütze)

Diskussion
  1. Positioniere dich begründet zum fehlenden Resonanzraum der Subalternen.
  2. Nutzt einige der Impulsfragen zur Diskussion.