Fabeln der Aufklärung: G.E. Lessing

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G.E. Lessing: Über Fabeln

Warum eigentlich Tiere?
Von dem Gebrauche der Tiere in der Fabel
„Die Fabel hat unsere klare und lebendige Erkenntnis eines moralischen Satzes zur Absicht. Nichts verdunkelt unsere Erkenntnis mehr als die Leidenschaften. Folglich muß der Fabulist die Erregung der Leidenschaften soviel als möglich vermeiden. Wie kann er aber anders z. B. die Erregung des Mitleids vermeiden, als wenn er die Gegenstände desselben unvollkommener macht und anstatt der Menschen Tiere oder noch geringere Geschöpfe annimmt? Man erinnere sich noch einmal der Fabel von dem Wolfe und Lamme ... Wir haben Mitleiden mit dem Lamme; aber dieses Mitleiden ist so schwach, daß es unserer anschauenden Erkenntnis des moralischen Satzes keinen merklichen Eintrag tut.“

aus: Gotthold Ephraim Lessing (1729-81): „Abhandlungen über die Fabel“ Kapitel II (v. 1753) (zit. nach Projekt Gutenberg DE)


Aufgaben
  1. Erinnere Dich an die Fabel vom Wolf und dem Lamm. Worum geht es darin?
  2. Was spricht für, was spricht gegen Lessings These vom schwächeren Mitleid? Finde Argumente und Beispiele.
  3. Laut Lessing geht es in der Fabel um die „Erkenntnis eines moralischen Satzes". Solche Sätze beginnen gerne mit „Du sollst ..." oder so ähnlich. Welche kennst Du?
  4. In der nachfolgenden Fabel-Serie vom „Rangstreit der Tiere” sind einige dieser moralischen Sätze enthalten. Formuliere die für dich wichtigsten drei.

Eine Fortsetzungsfabel

G.E. Lessing: DER RANGSTREIT DER TIERE in vier Fabeln

I

Es entstand ein hitziger Rangstreit unter den Tieren, ihn zu schlichten, sprach das Pferd, lasset uns den Menschen zu Rate ziehen; er ist keiner von den streitenden Teilen und kann desto unparteiischer sein.
Aber hat er auch den Verstand dazu? ließ sich ein Maulwurf hören. Er braucht wirklich den allerfeinsten, unsere oft tief versteckten Vollkommenheiten zu erkennen.
Das war sehr weislich erinnert, sprach der Hamster.
Ja, wohl! rief auch der Igel. Ich glaube es nimmermehr, da der Mensch Scharfsinnigkeit genug besitzet.
Schweigt ihr! befahl das Pferd. Wir wissen es schon: Wer sich auf die Gute seiner Sache am wenigsten verlassen kann, ist immer am fertigsten, die Einsicht eines Richters in Zweifel zu ziehen.

II

Der Mensch ward Richter. -
Noch ein Wort, rief ihm der majestätische Löwe zu, bevor du den Ausspruch tust! Nach welcher Regel, Mensch, willst du unsern Wert bestimmen?
Nach welcher Regel? Nach dem Grade, ohne Zweifel, antwortete der Mensch, in welchem ihr mir mehr oder weniger nützlich seid. -
Vortrefflich! versetzte der beleidigte Löwe. Wie weit würde ich alsdenn unter dem Esel zu stehen kommen! Du kannst unser Richter nicht sein, Mensch! Verlass die Versammlung!

III

Der Mensch entfernte sich. – Nun, sprach der höhnische Maulwurf – (und ihm stimmte der Hamster und der Igel wieder bei) –, siehst du, Pferd? der Löwe meint es auch, daß der Mensch unser Richter nicht sein kann. Der Löwe denkt wie wir.
Aber aus bessern Gründen als ihr! sagte der Löwe und warf ihnen einen verächtlichen Blick zu.

IV

Der Löwe fuhr weiter fort: Der Rangstreit, wenn ich es recht überlege, ist ein nichtswürdiger Streit! Haltet mich fur den Vornehmsten oder den Geringsten, es gilt mir gleichviel. Genug, ich kenne mich! Und so ging er aus der Versammlung.
Ihm folgte der weise Elefant, der kühne Tiger, der ernsthafte Bär, der kluge Fuchs, das edle Pferd; kurz, alle, die ihren Wert fühlten oder zu fühlen glaubten.
Die sich am letzten wegbegaben und über die zerrissene Versammlung am meisten murrten, waren - der Affe und der Esel.

aus: Gotthold Ephraim Lessing (1729-81): „Fabeln“ (v.1756), zit. nach Projekt Gutenberg DE


Zum Download

Das Lessing-Zitat und die Fabeln vom „Rangstreit der Tiere” können HIER als PDF heruntergeladen werden.

G.E. Lessings pädagogische Überlegungen

Von einem besondern Nutzen der Fabeln in den Schulen
„Unter den Übungen  … glaube ich, würde die Erfindung aesopischer Fabeln eine von denen sein, die dem Alter eines Schülers am aller angemessensten wären: nicht, daß ich damit suchte, alle Schüler zu Dichtern zu machen; sondern weil es unleugbar ist, daß das Mittel, wodurch die Fabeln erfunden worden, gleich dasjenige ist, das allen Erfindern überhaupt das allergeläufigste sein muß. Dieses Mittel ist das Principium der Reduktion …
Doch dieses Principium der Reduktion hat seine großen Schwierigkeiten. Es erfordert eine weitläuftige Kenntnis des Besondern und aller individuellen Dingen, auf welche die Reduktion geschehen kann. Wie ist diese von jungen Leuten zu verlangen? …
Aber auch alsdenn noch, wenn es dem Schüler an dieser weitläuftigen Kenntnis nicht … fehlte, würde man ihn die Fabeln anfangs müssen mehr finden als erfinden lassen; und die allmählichen Stufen von diesem Finden zum Erfinden, die sind es eigentlich, was ich durch verschiedene Versuche meines zweiten Buchs habe zeigen wollen. Ein gewisser Kunstrichter sagt: »Man darf nur im Holz und im Feld, insonderheit aber auf der Jagd, auf alles Betragen der zahmen und der wilden Tiere aufmerksam sein und, sooft etwas Sonderbares und Merkwürdiges zum Vorschein kömmt, sich selber in den Gedanken fragen, ob es nicht eine Ähnlichkeit mit einem gewissen Charakter der menschlichen Sitten habe und in diesem Falle in eine symbolische Fabel ausgebildet werden könne.« 
Die Mühe, mit seinem Schüler auf die Jagd zu gehen, kann sich der Lehrer ersparen, wenn er in die alten Fabeln selbst eine Art von Jagd zu legen weiß, indem er die Geschichte derselben bald eher abbricht, bald weiter fortfährt, bald diesen oder jenen Umstand derselben so verändert, daß sich eine andere Moral darin erkennen läßt.“

aus: Gotthold Ephraim Lessing (1729-81): „Abhandlungen über die Fabel“ Kapitel II (v. 1753), zit. nach Projekt Gutenberg DE

Siehe auch