Rhetorik in der Antike

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Gorgias - Platon/Sokrates - Quintilian
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Drei Philosophen, die über den Wert der Sprache und die Macht des gesprochenen Wortes nachdenken.

Die entscheidende Frage lautet:

Überreden oder überzeugen?

Was ist der Unterschied? Was ist der wahre Zweck der Rede?

Gorgias

Der Philosoph Gorgias von Leontinoi (zwischen 490 und 485 v. Ch.) gilt als Begründer der rhetorischen Stilistik. Die Aufgabe der Rhetorik ist die Überredung, der Mensch muss zur Akzeptanz bestimmter Annahmen überredet werden. Die meisten Werke des Gorgias sind verloren gegangen, lediglich die Reden Lobrede auf Helena und Verteidigung für Palamedes sind vollständig erhalten. Aus der „Lobrede“ stammt die zitierte Stelle.

  1. Gib den Inhalt dieses Zitat in eigenen Worten wieder.
  2. Wer könnte heute die Rolle der Stern- und Himmelskundigen einnehmen?
  3. Finde zu den angeführten „Beispielen“ aktuelle aus unserer Zeit.
  4. Schätzt Gorgias die Macht der Rede - aus deiner Sicht - richtig ein?
  5. Spezialaufgabe: Gorgias von Leontinoi gilt als ein wichtiger Vertreter des griechischen Sophismus. Recherchiere zum Begriff „Sophismus“.

GORGIAS Die Rede ist eine gewaltige Herrin
„Daß … die Überredung, die dem Wort innewohnt, den Sinn des Hörers formt, wie sie will, ist leicht zu erkennen. Man muß nur einige Beispiele bedenken: das Wort der Stern- und Himmelskundigen zerstört eine Meinung und erweckt eine andere und bewirkt so, daß der Mensch das Unglaubliche und Ungewisse mit Augen zu erblicken meint. Ferner: in den entscheidenden Auseinandersetzungen, die ja mit Worten durchgefochten werden, kann eine einzige Rede eine große Menschenmenge hinreißen und überreden, wenn sie kunstvoll verfaßt, nicht aber, wenn sie wahr gesprochen ist. Und drittens: die Wortgefechte der Philosophen: da zeigt es sich, wie ein bewegliches Denken und eine gewandte Zunge mit Leichtigkeit die Meinung der Hörer in jede Richtung lenken und überreden können.“

Quelle: Antike Geisteswelt. Eine Sammlung klassischer Texte. Auswahl und Einführungen von Walter Rüegg, Frankfurt 1980 S. 412/13

Sokrates

Was ist das Ziel der Rede: Aufklärung oder Überredung? Wahrheit oder Erfolg?

Sokrates setzt sich in dem Dialog mit „Phaidros“ auch mit dieser Fragestellung auseinander. Phaidros vertritt dabei die damals gängige Vorstellung, dass das Ziel des Redners die erfolgreiche Überredung der Zuhörer sei, eine Position, die der sophistischen Rednerschule zugewiesen wird. Sokrates will demgegenüber die Rhetorik und die Redner zu einer ethisch einwandfreien Position verpflichten.

  1. Gib diesen Auszug aus dem Dialog „Phaidros“ in eigenen Worten wieder.
  2. Beschreibe, wie Sokrates vorgeht?
  3. Überlege, was dieses „tüchtig philosophieren“ in der letzten Zeile alles beinhalten kann?

Keine echte Redekunst ohne Wahrheit

[…] Phaidros: Gesprochen also muß werden!

Sokrates: Nicht wahr, was wir uns eben vorgesetzt haben, zu untersuchen, wie man es zu halten habe, um eine Rede schön sowohl zu sprechen als zu schreiben und wie nicht, das soll untersucht werden?

Phaidros: Offenbar!

Sokrates: Muß nun nicht für Reden, welche gut und schön vorgetragen werden wollen, als Bedingung gelten, daß der Geist des Sprechenden das Wahre von dem wisse, worüber er sprechen will?

Phaidros: Hiervon habe ich so viel gehört, mein lieber Sokrates, daß es für den, der ein Redner werden wolle, nicht nötig sei, das wahrhaft Gerechte zu erkennen, sondern das, was der Menge, die zu richten habe, so erscheinen werde; denn aus diesem, nicht aber aus der Wahrheit, ergebe sich das Überreden.

Sokrates: Nimmer fürwahr ein verwerfliches Wort soll das sein, o Phaidros, was da weise Männer sagen; sondern ansehen muß man es, ob damit nicht wirklich etwas gesagt sei; und auch das jetzt Gesagte darf also ja nicht beiseite gelassen werden!

Phaidros: Richtig gesagt!

Sokrates: Folgendermaßen denn wollen wir es ansehen!

Phaidros: Wie?

Sokrates: Wenn ich dich bereden würde, ein Pferd zu erwerben, um gegen Feinde dich zu wehren, wir beide aber kein Pferd kennen würden, ich jedoch zufällig so viel von dir wüßte, daß Phaidros unter den zahmen Tieren dasjenige, welches die längsten Ohren hat, für ein Pferd hält –

Phaidros: So wäre das, o Sokrates, ja gar lächerlich!

Sokrates: Noch nicht so gar; aber wenn ich dich nun im Ernst dazu bereden würde, indem ich eine Lobrede auf den Esel abfaßte, worin ich ihn Pferd nennen und davon sprechen würde, wie dieses Vieh alles wert sei zu Haus und im Feld, zum Herabfechten brauchbar und noch zum Tragen tüchtig für das Gepäck und zu vielem anderen nützlich –

Phaidros: So wäre das denn doch schon über alle Maßen lächerlich!

Sokrates: Ist es nun nicht besser, ein lächerlicher, als ein arger und feindseliger Freund zu sein?

Phaidros: Sichtbar!

Sokrates: Wenn nun der Redefertige, der Gutes und Schlechtes nicht kennt und eine geradeso beschaffene Gemeinde vor sich hat, diese beredet, nicht so, daß er über den Schatten des Esels eine Lobrede hält, als wäre es der eines Pferdes, sondern über etwas Schlechtes, als wäre es Gutes, – wenn er so die Menge, weil er ihre Ansichten wohl erwogen hat, zu bereden weiß. Schlechtes zu tun statt Gutes: was für eine Frucht, glaubst du, werde die Redekunst von der, welche sie da gesät hat, in der Folge ernten?

Phaidros: Freilich keine gar anständige!

Sokrates: […] Eine echte Kunst zu sprechen, … ohne die Wahrheit ergriffen zu haben, gibt es weder jetzt noch wird es je später geben. […] Herbei denn, überzeuget den Phaidros …, daß, wenn er nicht tüchtig philosophiere, er auch niemals tüchtig sein werde, über irgend etwas zu reden!

Quelle http://www.zeno.org, siehe auch: www.opera-platonis.de (pdf)

Quintilian

Marcus Fabius Quintilianus (35–96) gilt neben Cicero als der zweite große Rhetoriker des römischen Reichs. In seinen Werken fließen zum ersten Mal pädagogische Elemente in die Rhetorik mit ein. Er war der erste staatlich besoldete Lehrer der Rhetorik in Rom. Die Erfahrungen seiner Lehrtätigkeit schrieb er in seinem Werk „Institutio oratoria“ nieder, einer Unterweisung in der Redekunst.  Darin zeichnet er abschließend das Bild des 'sittlich vollkommenen Redners’.  Daraus diese Zitat.

  1. Gib den Gedankengang in eigenen Worten wieder.
  2. Beurteile Erziehungsziel und Persönlichkeitsideal.
  3. Kann überzeugendes Reden überhaupt gelernt werden?

Der Redner muss rechtschaffen sein
„Für uns soll also der Redner, den wir heranbilden wollen, von der Art sein …: ein Ehrenmann, der reden kann. […]  Deshalb wird gewiß besser andere überzeugen, wer zuvor sich selbst überzeugt hat. Denn mag man auch noch so sehr auf der Hut sein, die Verstellung verrät sich doch, und nie ist wohl die Geschicklichkeit beim Reden so groß, daß jemand nicht strauchelt und stockt, wenn seine Worte seiner Herzensneigung zuwiderlaufen. Ein schlechter Mensch aber spricht zwangsläufig anders als er empfindet. Gute Menschen werden nie verlgen sein um schöne, ehrliche Worte, nie auch - da sie ja zugleich auch klug sind - um das Auffinden des besten, edelsten Inhaltes. Mag es hierbei auch an verführerischen Reizen fehlen, so bietet das eigene Wesen natürlichen Schmuck genug, und Ehrlichkeit ist immer beredt.
Deshalb, liebe Jugend, oder vielmehr jung und alt … laßt uns mit ganzem Herzen danach streben, auf dieses Ziel hin(zu)arbeiten!“

Quelle: Antike Geisteswelt. Eine Sammlung klassischer Texte. Auswahl und Einführungen von Walter Rüegg, Frankfurt 1980 S. 447/452

Weblinks

In der Wikipedia:

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