Großstadtlyrik des Expressionismus: Unterschied zwischen den Versionen

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=== Paul Boldt - Auf der Terrasse des Café Josty ===
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Das Café Josty war zu Beginn des 20. Jahrhundert mit seiner Aussicht auf den verkehrsreichen Potsdamer Platz ein wichtiger Treffpunkt für Künstler, besonders des [[Expressionismus]] und der [[Neue Sachlichkeit|Neuen Sachlichkeit]]. Sie zog vor allem die Dynamik des Platzes und seine Modernität an. [[Paul Boldt]] verewigte den Blick aus dem Café in einem 1912 veröffentlichten [[Sonett]] wie folgt:<ref>nach: {{wpde|Café_Josty#20._Jahrhundert}}, gesehen: 22.01.2011</ref>
Das Café Josty war zu Beginn des 20. Jahrhundert mit seiner Aussicht auf den verkehrsreichen Potsdamer Platz ein wichtiger Treffpunkt für Künstler, besonders des [[Expressionismus]] und der [[Neue Sachlichkeit|Neuen Sachlichkeit]]. Sie zog vor allem die Dynamik des Platzes und seine Modernität an. [[Paul Boldt]] verewigte den Blick aus dem Café in einem 1912 veröffentlichten [[Sonett]] wie folgt:<ref>nach: {{wpde|Café_Josty#20._Jahrhundert}}, gesehen: 22.01.2011</ref>


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'''Auf der Terrasse des Café Josty''' (1912)
'''Auf der Terrasse des Café Josty''' (1912)
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Automobile und den Menschenmüll.
Automobile und den Menschenmüll.


{{Zeile|5}}Die Menschen rinnen über den Asphalt,
Die Menschen rinnen über den Asphalt,
Ameisenemsig, wie Eidechsen flink.
Ameisenemsig, wie Eidechsen flink.
Stirne und Hände, von Gedanken blink,
Stirne und Hände, von Gedanken blink,
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Nachtregen hüllt den Platz in eine Höhle,
Nachtregen hüllt den Platz in eine Höhle,
{{Zeile|10}}Wo Fledermäuse, weiß, mit Flügeln schlagen
Wo Fledermäuse, weiß, mit Flügeln schlagen
Und lila Quallen liegen - bunte Öle;
Und lila Quallen liegen - bunte Öle;


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Vom Rauch der Nacht wie Eiter einer Pest.
Vom Rauch der Nacht wie Eiter einer Pest.
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* {{wpde|Café Josty}}
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* [http://www.nzz.ch/nachrichten/kultur/zuercher_kultur/sss-bitteres_leben_in_der_fremde_1.3153338.html Süss-bitteres Leben in der Fremde] (Neue Zürcher Zeitung, 22. Juli 2009)
* [http://www.nzz.ch/nachrichten/kultur/zuercher_kultur/sss-bitteres_leben_in_der_fremde_1.3153338.html Süss-bitteres Leben in der Fremde] (Neue Zürcher Zeitung, 22. Juli 2009)
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=== Georg Heym - Berlin III ===
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Wie goldne Stufe brennt sein niedrer Saum.  
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Fern zwischen kahlen Bäumen, manchem Haus,   
Zäunen und Schuppen, wo die Weltstadt ebbt,   
Zäunen und Schuppen, wo die Weltstadt ebbt,   
und auf vereisten Schienen mühsam schleppt   
und auf vereisten Schienen mühsam schleppt   
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Ein Armenkirchhof ragt, schwarz, Stein an Stein,   
Ein Armenkirchhof ragt, schwarz, Stein an Stein,   
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die Toten schaun den roten Untergang   
aus ihrem Loch. Er schmeckt wie starker Wein.  
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zur Marseillaise, dem alten Sturmgesang.
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=== Georg Heym - Der Gott der Stadt ===
=== Georg Heym - Der Gott der Stadt ===


Entstanden 1910, veröffentlicht 1911
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'''DER GOTT DER STADT''' (1910)
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Die letzten Häuser in das Land verirrn.
Die letzten Häuser in das Land verirrn.


{{Zeile|5}}Vom Abend glänzt der rote Bauch dem Baal,
Vom Abend glänzt der rote Bauch dem Baal,
Die großen Städte knieen um ihn her.
Die großen Städte knieen um ihn her.
Der Kirchenglocken ungeheure Zahl
Der Kirchenglocken ungeheure Zahl
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Wie Korybanten-Tanz dröhnt die Musik
Wie Korybanten-Tanz dröhnt die Musik
{{Zeile|10}}Der Millionen durch die Straßen laut.
Der Millionen durch die Straßen laut.
Der Schlote Rauch, die Wolken der Fabrik
Der Schlote Rauch, die Wolken der Fabrik
Ziehn auf zu ihm, wie Duft von Weihrauch blaut.
Ziehn auf zu ihm, wie Duft von Weihrauch blaut.
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Das Wetter schwält in seinen Augenbrauen.
Das Wetter schwält in seinen Augenbrauen.
Der dunkle Abend wird in Nacht betäubt.
Der dunkle Abend wird in Nacht betäubt.
{{Zeile|15}}Die Stürme flattern, die wie Geier schauen
Die Stürme flattern, die wie Geier schauen
Von seinem Haupthaar, das im Zorne sträubt.
Von seinem Haupthaar, das im Zorne sträubt.


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Er schüttelt sie. Ein Meer von Feuer jagt
Er schüttelt sie. Ein Meer von Feuer jagt
Durch eine Straße. Und der Glutqualm braust
Durch eine Straße. Und der Glutqualm braust
{{Zeile|20}}Und frißt sie auf, bis spät der Morgen tagt.
Und frißt sie auf, bis spät der Morgen tagt.
 
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http://de.wikisource.org/wiki/Der_Gott_der_Stadt Text - bei Wikisource
|http://de.wikisource.org/wiki/Der_Gott_der_Stadt Text - bei Wikisource; 22.01.2011}}
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* [http://herrlarbig.de/2009/02/17/georg-heym-der-gott-der-stadt/ Georg Heym: Der Gott der Stadt] - Interpretation (Herr Larbig)
* [http://herrlarbig.de/2009/02/17/georg-heym-der-gott-der-stadt/ Georg Heym: Der Gott der Stadt] - Interpretation (Herr Larbig)
=== Georg Heym - Die Stadt ===
=== Georg Heym - Die Stadt ===


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'''Die Stadt''' (1911)
'''Die Stadt''' (1911)
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Und blinzeln mit den Lidern, rot und klein.
Und blinzeln mit den Lidern, rot und klein.


{{Zeile|5}}Wie Aderwerk gehn Straßen durch die Stadt,
Wie Aderwerk gehn Straßen durch die Stadt,
Unzählig Menschen schwemmen aus und ein.
Unzählig Menschen schwemmen aus und ein.
Und ewig stumpfer Ton von stumpfem Sein
Und ewig stumpfer Ton von stumpfem Sein
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Gebären, Tod, gewirktes Einerlei,
Gebären, Tod, gewirktes Einerlei,
{{Zeile|10}}Lallen der Wehen, langer Sterbeschrei,
Lallen der Wehen, langer Sterbeschrei,
Im blinden Wechsel geht es dumpf vorbei.
Im blinden Wechsel geht es dumpf vorbei.


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Und scheinen hoch von dunkler Wolkenwand.
Und scheinen hoch von dunkler Wolkenwand.
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http://de.wikisource.org/wiki/Die_Stadt_(Heym) Text - bei Wikisource; 22.01.2011
|http://de.wikisource.org/wiki/Die_Stadt_(Heym) Text - bei Wikisource; 22.01.2011}}
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=== Alfred Wolfenstein - Städter ===
=== Alfred Wolfenstein - Städter ===

Version vom 23. November 2018, 15:05 Uhr

Ernst Ludwig Kirchner – Nollendorfplatz 1912


Gedichte

Paul Boldt - Auf der Terrasse des Café Josty

Paul Hoeniger: Im Café Josty, 1890
Grand-Hotel Bellevue am Potsdamer Platz, 1903

Das Café Josty war zu Beginn des 20. Jahrhundert mit seiner Aussicht auf den verkehrsreichen Potsdamer Platz ein wichtiger Treffpunkt für Künstler, besonders des Expressionismus und der Neuen Sachlichkeit. Sie zog vor allem die Dynamik des Platzes und seine Modernität an. Paul Boldt verewigte den Blick aus dem Café in einem 1912 veröffentlichten Sonett wie folgt:[1]

Paul Hoeniger: Im Café Josty, 1890

Auf der Terrasse des Café Josty (1912)

Der Potsdamer Platz in ewigem Gebrüll
Vergletschert alle hallenden Lawinen
Der Straßentrakte: Trams auf Eisenschienen,
Automobile und den Menschenmüll.

Die Menschen rinnen über den Asphalt,
Ameisenemsig, wie Eidechsen flink.
Stirne und Hände, von Gedanken blink,
Schwimmen wie Sonnenlicht durch dunklen Wald.

Nachtregen hüllt den Platz in eine Höhle,
Wo Fledermäuse, weiß, mit Flügeln schlagen
Und lila Quallen liegen - bunte Öle;

Die mehren sich, zerschnitten von den Wagen. –
Aufspritzt Berlin, des Tages glitzernd Nest,
Vom Rauch der Nacht wie Eiter einer Pest.

Café Josty#20. JahrhundertWikipedia-logo.png

Linkliste:

Georg Heym - Berlin III

Berlin III (1911)

Schornsteine stehn in großem Zwischenraum
im Wintertag, und tragen seine Last,
des schwarzen Himmels dunkelnden Palast.
Wie goldne Stufe brennt sein niedrer Saum.

Fern zwischen kahlen Bäumen, manchem Haus,
Zäunen und Schuppen, wo die Weltstadt ebbt,
und auf vereisten Schienen mühsam schleppt
Ein langer Güterzug sich schwer hinaus.

Ein Armenkirchhof ragt, schwarz, Stein an Stein,
die Toten schaun den roten Untergang
aus ihrem Loch. Er schmeckt wie starker Wein.

Sie sitzen strickend an der Wand entlang,
Mützen aus Ruß dem nackten Schläfenbein,
zur Marseillaise, dem alten Sturmgesang.

Georg Heym - Der Gott der Stadt

Entstanden 1910, veröffentlicht 1911

DER GOTT DER STADT (1910)

Auf einem Häuserblocke sitzt er breit.
Die Winde lagern schwarz um seine Stirn.
Er schaut voll Wut, wo fern in Einsamkeit
Die letzten Häuser in das Land verirrn.

Vom Abend glänzt der rote Bauch dem Baal,
Die großen Städte knieen um ihn her.
Der Kirchenglocken ungeheure Zahl
Wogt auf zu ihm aus schwarzer Türme Meer.

Wie Korybanten-Tanz dröhnt die Musik
Der Millionen durch die Straßen laut.
Der Schlote Rauch, die Wolken der Fabrik
Ziehn auf zu ihm, wie Duft von Weihrauch blaut.

Das Wetter schwält in seinen Augenbrauen.
Der dunkle Abend wird in Nacht betäubt.
Die Stürme flattern, die wie Geier schauen
Von seinem Haupthaar, das im Zorne sträubt.

Er streckt ins Dunkel seine Fleischerfaust.
Er schüttelt sie. Ein Meer von Feuer jagt
Durch eine Straße. Und der Glutqualm braust
Und frißt sie auf, bis spät der Morgen tagt.

http://de.wikisource.org/wiki/Der_Gott_der_Stadt Text - bei Wikisource

Linkliste:

Georg Heym - Die Stadt

Die Stadt (1911)

Sehr weit ist diese Nacht. Und Wolkenschein
Zerreißet vor des Mondes Untergang.
Und tausend Fenster stehn die Nacht entlang
Und blinzeln mit den Lidern, rot und klein.

Wie Aderwerk gehn Straßen durch die Stadt,
Unzählig Menschen schwemmen aus und ein.
Und ewig stumpfer Ton von stumpfem Sein
Eintönig kommt heraus in Stille matt.

Gebären, Tod, gewirktes Einerlei,
Lallen der Wehen, langer Sterbeschrei,
Im blinden Wechsel geht es dumpf vorbei.

Und Schein und Feuer, Fackeln rot und Brand,
Die drohn im Weiten mit gezückter Hand
Und scheinen hoch von dunkler Wolkenwand.

http://de.wikisource.org/wiki/Die_Stadt_(Heym) Text - bei Wikisource; 22.01.2011

Alfred Wolfenstein - Städter

Städter (1914)

Dicht wie Löcher eines Siebes stehn
Fenster beieinander, drängend fassen
Häuser sich so dicht an, daß die Straßen
Grau geschwollen wie Gewürgte stehn.

Vorlage:ZeileIneinander dicht hineingehakt
Sitzen in den Trams die zwei Fassaden
Leute, wo die Blicke eng ausladen
Und Begierde ineinander ragt.

Unsre Wände sind so dünn wie Haut,
Vorlage:ZeileDaß ein jeder teilnimmt, wenn ich weine.
Flüstern dringt hinüber wie Gegröhle:

Und wie stumm in abgeschlossner Höhle
Unberührt und ungeschaut
Steht doch jeder fern und fühlt: alleine.


Linkliste

Paul Zech - Fabrikstraße tags

Linkliste

(Weitere) Stadtgedichte im Expressionismus

Zahlreiche bekannte Gedichte des Expressionismus thematisieren die Stadt bzw. das Leben in einer Stadt.

Stadt in der Malerei des Expressionismus

Unterrichtsidee
Darstellung der Stadt in der Malerei und in der Lyrik des Impressionismus
Aufgabe
  1. Beschreibe eines der hier zu sehenden oder verlinkten Bilder.[2]
    1. Was siehst Du? Was wird dargestellt?
    2. Welche Stimmung und welche Aussage über die Stadt vermittelt das Bild?
    3. Nenne auch die verwendeten Stilmittel (Perspektive, Farben, Aufbau ...).
  2. Vergleiche die Aussage des von Dir analysierten Bildes mit der Aussage in einem der gleichzeitigen Großstadtgedichte.



Webquest

Unterrichtshilfen

  • Klaus Lill, Großstadtlyrik des Expressionismus. Reihe "du-selbst. Selbstgesteuertes Lernen im Deutschunterricht". Paderborn, Schöningh Verlag, 2007. ISBN 978-3-14-022230-3

Vorlage:Meinung

Literatur

  • Wende, Waltraud (Hg.): Großstadtlyrik. Stuttgart : Reclam, 1999. (Universal-Bibliothek ; 9639) ISBN 3-15-009639-1

Linkliste

Einzelnachweise

  1. nach: Café_Josty#20._JahrhundertWikipedia-logo.png, gesehen: 22.01.2011
  2. Diese Aufgabe lehnt sich an an eine Aufgabenstellung in: Klaus Lill, Großstadtlyrik des Expressionismus. Schöningh Verlag. ISBN 978-3-14-022230-3. S. 32: Station5, Malerei im Expressionismus

Siehe auch