Magnifica Humanitas - Großartige Menschlichkeit
Einleitung
Ziel dieses Lernpfades ist es die Enzyklika,[1] die Papst Leo XIV am 15. Mai 2026 veröffentlicht hat, kennen zu lernen. Aus dem umfangreichen Werk wurden die Passagen ausgesucht, in denen es um die folgenden Themen geht:
- Das Menschenbild und die Herausforderungen durch den technischen Wandel
- Der vom Papst in den Mittepunkt gestellte Gegensatz: Turmbau wie in Babylon oder Städtebau wie in Jerusalem
- Aussagen zu den Themen Sklaverei und Frieden
- Handlungsoptionen für alle Menschen
In der Presse wird die Enzyklika als Lehrschreiben zur künstlichen Intelligenz [2] bezeichnet. Aber der Anspruch des Papstes ist umfassender: Zentrale ethische und religiöse Begriffe wie Gerechtigkeit und die Deutung des Menschseins als Gotteskindschaft muss man, wenn sie nicht zu leeren Worthülsen werden sollen, vor dem Hintergrund aktueller Entwicklungen immer neu interpretieren und anwenden. Zu den Herausforderungen, die uns momentan beschäftigen, gehören natürlich die Innovationen in der Computerprogrammierung, die unter der ebenso plakativen wie irreführenden Bezeichnung "Künstliche Intelligenz" Aufsehen erregen.
Zur Kritik des Begriffs hat die Sozioinformatikerin Katharina Zweig maßgeblich beigetragen:
- Interview mit Katharina Zweig in SPEKTRUM der Wissenschaft 6/2026 unter dem Titel Wird uns KI überflügeln?
- SWR Interview mit Katharina Zweig: Video 30 MIN
Lerpfade auf ZUM Unterrichten:
- Historische Stichworte/Künstliche Intelligenz mit Links zu weiteren Lernpfaden
- KI und Religion
Das ist aber nicht die einzige beunruhigende Entwicklung der Gegenwart. Papst Leo nennt:
- die Rehabilitierung des Kriegs (Nr. 190)
- die Entwicklung der Märkte zu einer Finanzwirtschaft um der Finanzwirtschaft willen (Nr. 160).[3]
- den Einfluss von Positionen eines Posthumanismus oder Transhumanismus (Nr. 116)
Leo XIII. hatte sich 1890 mit der Enzyklika Rerum Novarum - über die neuen Realitäten der Aufgabe gestellt, die Frage der Gerechtigkeit für das Industriezeitalter neu auszubuchstabieren. Mit diesem Schreiben legte er die Grundlage der christlichen Soziallehre, die seitdem von fast allen Nachfolgern auf dem Papstthron weiterentwickelt wurde - mit weitreichenden Folgen in den Wirtschaftssystemen vielerLänder. Leo XIV. erzählt diese Geschichte ausführlich und möchte wie seine Vorgänger die Soziallehre der Kirche auf den neuesten Stand bringen, indem er auf die neu aufgebrochenen Probleme eine Antwort aus dem Geist Christi sucht.
Dieser Lernpfad hat zwei Schwerpunkte:
- Hinführung zu den anthropologischen Grundaussagen des Papstes
- Vorstellung der Praxistipps des Papstes für die einfachen Leute und Diskussion der Praktikabilität dieser Ideen.
Was bedeutet Menschlichkeit?
Sechs Perspektiven auf den Menschen
In der Enzyklika wird auf verschiedene Bilder eingegangen, die sich der Mensch von sich selbst macht.
- ↑ https://www.vatican.va/content/leo-xiv/de/encyclicals/documents/20260515-magnifica-humanitas.html
- ↑ Nils Markwardt in Die ZEIT 24/2026
- ↑ Für die unnatürliche Ökonomie hat der brasilianische Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler Luiz Carlos Bresser Pereira 2010 den Begriff financialization eingeführt: Luiz Carlos Bresser-Pereira: The Global Financial Crisis and a New Capitalism? Quelle: https://www.levyinstitute.org/pubs/wp_592.pdf nachgeschlagen am 11.06.2026 10:47
Die Grafik benennt sechs Perspektiven auf den Menschen, vor denen die Enzyklika ausdrücklich warnt:
Lies die Begriffe langsam und aufmerksam durch und stell dich folgenden Fragen:
- Für wen ist diese Perspektive auf den Menschen interessant? (Wer, zum Beispiel, interessiert sich für Menschen als Trainingsobjekte der KI?)
- Welche Einschätzungen und Verhaltensweisen passen zu dieser Perspektive auf den Menschen? (Was darf ich zum Beispiel mit einem anderen Menschen tun, wenn ich ihn als Hassfigur betrachte?)
- Welche Einstellungen gegenüber anderen Menschen werden durch diese Perspektive verzichtbar? (Worauf hätte zum Beispiel ein Arbeitssklave keinen Anspruch?)
- Wenn ich mein soziales Verhalten und mein Konsumverhalten genau anschaue, inwiefern muss ich dann eingestehen,
- dass ich es zulasse, dass andere mich in eine dieser sechs Kategorien hineinstecken (z.B. als manipulierbares Objekt).
- dass ich eine oder mehrere dieser sechs Perspektiven auf den Menschen unterstütze oder widerstandslos in Kauf nehme (zum Beispiel die Vorstellung, dass der Mensch optimiert werden muss und als Durchgangsstadium gesehen wird zu etwas Perfektem).
Städtebau - Zwei grundsätzlich verschiedene Herangehensweisen
Der Papst zitiert zwei Bibelstellen, in denen es um Städtebau geht.
Der Turmbau zu Babel (Genesis 11,1-9)
Schau Dir das Bild von Pieter Brueghel an und lies Dir die Bibelstelle durch. Dann solltest Du die folgenden Fragen beantworten können:
- Die Bibel erwähnt eine damals innovative Technologie im Städtebau: Gebrannte Ziegel, verbunden mit Erdpech. Was ist der Vorteil gegenüber Holz und Lehm, den früheren Baumaterialien?
- Welches Motiv haben die Leute von Schinear für das Projekt, einen Turm bis zum Himmel zu bauen?
- Woran scheitert die Geschichte?
- Wie hat Pieter Brueghel dieses Scheitern ins Bild gebracht?
Die heilige Stadt Jerusalem wird wiederaufgebaut (Nehemia 2-6)
Für fromme Menschen der abrahamitischen Religionen ist Jerusalem mehr als eine beliebige Stadt:
Wenn ich dich je vergesse, Jerusalem,
dann soll mich meine rechte Hand vergessen.
Die Zunge soll mir am Gaumen kleben,
wenn ich an dich nicht mehr denke,
wenn ich Jerusalem nicht mehr erhebe
zum Gipfel meiner Freude (Psalm 137,5-6)
Die Darstellungen Jerusalems aus dem Mittelalter bis hin zu den Weltbeschreibungen des 16. Jahrhunderts sind idealisiert. Das auffälligste Merkmal ist die Vielzahl der Tore. Während die römische Stadt vier Tore benötigt, die sie mit Straßen in alle Himmelsrichtungen verbinden,[1] hat die heilige Stadt deren zwölf. Sie ist offen für die Völker der Erde:
Herabgeschaut hat der Herr aus heiliger Höhe.
Vom Himmel hat er auf die Erde geblickt,
um das Seufzen der Gefangenen zu hören,
zu befreien, die dem Tod geweiht sind,
damit sie den Namen des Herrn auf dem Zion verkünden
und sein Lob in Jerusalem,
wenn sich die Völker dort versammeln,
die Königreiche, um den Herrn zu verehren. (Psalm 102,20-23)
Die in der Enzyklika angesprochene Bibelstelle Nehemia 2-6 schildert den Wiederaufbau der Stadt Jerusalem. Die Babylonier hatten die Juden aus ihrer Heimat vertrieben und zugleich ihre Hauptstadt zerstört. Nun, unter persischer Oberhoheit, dürfen sie zurückkehren. Der Papst fasst den Bericht Nehemias zusammen:
Zusammenfassung des Städtevergleichs
Bemerkenswerte Aussagen der Enzyklika
Sklaverei in alter und neuer Form
Der Papst erinnert an das Leid der Sklaven vergangener Epochen:
Bitte um Vergebung
Obwohl wir in dieser Frage keine Einheitlichkeit feststellen können – da die Kirche die Sklaverei lange Zeit tolerierte und erst später zu ihrer absoluten Verurteilung gelangte –, besteht im Laufe der Geschichte eine Kontinuität hinsichtlich der Überzeugung von der Würde jedes Menschen, der nach dem Bild Gottes erschaffen worden ist, auch wenn es achtzehn Jahrhunderte lang nicht gelang, deren völlige Unvereinbarkeit mit der Sklaverei offiziell festzustellen. Dies ist eine Wunde im christlichen Gedächtnis, die wir als unsere ansehen müssen. Es ist unvermeidlich, tiefen Schmerz angesichts des enormen Leidens und der Demütigung zu empfinden, die die Sklaverei für so viele Menschen bedeutete und ein Gegensatz zu ihrer grenzenlosen und vom Herrn unendlich geliebten Würde war. Dafür bitte ich im Namen der Kirche aufrichtig um Vergebung.Seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert verurteilt nicht nur die Kirche die Sklaverei, sondern das Verbot, einen Menschen als Eigentum eines anderen anzusehen ist in die Rechtsordnungen der Länder aufgenommen und als Artikel 4 in die allgemeine Erkklärung der Menschenrechte, beschlossen von der Generalversammlung der Vereinten Nationen am 10. Sezember 1948.
Das ändert aber nichts daran, dass Schuldknechtschaft, Menschenhandel und weitere Formen des Zwangs die Arbeitssituation vieler Menschen prägen, gerade auch in den Branchen, die das Internet beherrschen. Der Papst führt aus:
Teilt Euch auf und recherchiert über die Arbeitsverhältnisse in der Internetbranche:
- Wer programmiert die sozialen Netzwerke; wer trainiert künstlich intelligente Angebote wie ChatGPT?
- Wer redigiert die Inhalte sozialer Netzwerke; wer muss die gewaltverherrlichenden und sexualisierten Inhalte durchsehen, um sie zu entfernen?
- Wer sitzt am Telefon, um die Nutzer bei Problemen zu unterstützen?
- Unter wechen Arbeitsumständen werden die seltenen Erden gewonnen, die für die Produktion der Hardware unerlässlich sind?
- Wie wird der Energiebedarf der Serverfarmen gedeckt?
Krieg und Frieden in Zeiten der KI
Die digitale Revolution verändert die Grammatik von Konflikten. Zur sichtbaren Kriegsführung gesellen sich hybride Formen: Cyberangriffe, Informationsmanipulation, Einflusskampagnen und die Automatisierung strategischer Entscheidungen. KI tritt in diese Prozesse als beschleunigender Faktor ein.
KI kann die Verteidigung und den Schutz der Zivilbevölkerung verbessern, aber sie kann auch die Schwelle für den Einsatz von Gewalt senken, Verantwortlichkeiten verschleiern und eine Kultur bestärken, in der der Feind auf Daten und das Opfer auf einen „Kollateralschaden“ reduziert wird.Schau Dir ein VIDEO (10 MIN) an:
- Fasse die Inhalte des Videos kurz zusammen.
- Überlege, welche Entwicklung Dir am wichtigsten erscheint und tausche dich mit Deinen Mitschülerinnen und Mitschülern darüber aus.
Handlungsoptionen
Magnifica Humanitas ist kein pessimistisches Schreiben, obwohl bedrohliche Entwicklungen umfassend analysiert werden.
Der Friede ist weder eine naive Hoffnung noch die bloße Abwesenheit von Krieg: Er ist das stets mögliche Ergebnis von Gerechtigkeit und Nächstenliebe.
Niemand ist ohne Verantwortung. Alle verfügen über einen eigenen Handlungsbereich, und genau dort – nirgendwo anders – sind wir aufgerufen, zu entscheiden, ob wir die Logik der Stärke nähren (und sei es nur durch Gleichgültigkeit, Zynismus, Lüge oder Hass) oder die Logik des Friedens hochhalten (mit Wahrheit, Besonnenheit, Nähe und Fürsorge).In einem Arbeitsblatt sind die Vorschläge des Papstes zusammengefasst, welche Handlungsoptionen alle Christen, ja alle Menschen haben, um in ihrem Umfeld der Kultur der Macht eine Zivilisation der Liebe entgegenzusetzen, um sich am Aufbau der heiligen Stadt Jerusalem zu beteiligen anstatt sich für den Turmbau der Babylonier heranziehen zu lassen. Die Auswahl übergeht die Vorschläge, die sich explizit an Politiker richten, denn das wird für die meisten, die sich mit diesem Lernpfad befassen, (noch) nicht zutreffen. Der Papst fordert unter anderem: ' Die Worte entwaffnen ' Frieden in Gerechtigkeit aufbauen ' Die Perspektive der Opfer einnehmen ' Gesunden Realismus pflegen ' Den Dialog neu anstoßen ' Beten und hoffen
- Lies dir den Text gründlich durch.
- Bilde Dir ein Urteil, ob die Vorschläge des Papstes in Deinem Umfeld praktikabel und zielführend sind.
- Sucht in der Lerngruppe den Meinungsaustausch.
Prüfe Dein Wissen
- ↑ Für eine kurze Information: https://www.youtube.com/watch?v=TFI4tjKdTEo



