KI und Religion
Der Lernpfad
Claudia Paganini hat sicher einen der profiliertesten Beiträge zur Bedeutung der KI in der Religion vorgelegt. Im Unterricht geht es darum, zu einer Reflexion anzuleiten
- ob Claudia Paganini mit ihrer These von der KI als neuem, als besserem Gott richtig liegt und
- ob wir uns wünschen können, dass sich die Religion der Zukunft an der KI ausrichtet.
- Beschäftigung mit den neun Eigenschaften (eines) Gottes, die Paganini ihrem Konzept zugrundelegt
- Erörterung der Übertragung dieser Eigenschaften auf die KI
- Vorläufige Beurteilung des Gesamtkonzeptes "KI als neuer, besserer Gott"
- Reflexion der Situation des Menschen an seinem Endgrät
- Klassische und "künstlich intelligente" Programmierung im Vergleich
- Was KI technisch gesehen kann und wo die Grenzen liegen
- Welche Rolle wirtschaftliche Gesichtspunkte bei der Verbreitung der KI spielen
- Aktuelle Debatten rund um KI, die für die Einschätzung ihrer religionsgeschichtlichen Bedeutung relevant sind
Literatur
Claudia Paganini: Der neue Gott. Künstliche Intelligenz und die menschliche Sinnsuche, Freiburg (Herder) 2025
Dirk Baecker (*1955): Die Gesellschaft der Zukunft lebt in Netzwerken in: Deutschlandfunk Nova Hörsaal vom 22. 9. 2019: https://www.deutschlandfunknova.de/beitrag/soziologie-die-gesellschaft-der-zukunft-lebt-in-netzwerken nachgeschlagen am 13.11.2025 10:01.
KI als Gott?
Neun Eigenschaften Gottes nach Claudia Paganini
- Schau dir die neun Eigenschaften (eines) Gottes genau an.
- Bringe die Eigenschaften in eine Reihenfolge: Welche Eigenschaften sind für "Göttlichkeit" am wichtigsten.
- Versuche für die ersten drei oder vier Eigenschaften eine Definition.
- Benenne Deine Quellen: Wo hast Du gelernt, dass Deine Definitionen die göttlichen Eigenschaften richtig beschreiben?
| Göttliche Eigenschaft | Übertragung auf KI |
|---|---|
| Beginnend mit dem ägyptischen König Echnaton setzt sich in Judentum, Christentum und Islam die Idee der Einzigkeit Gottes durch, die eine Entsprechung im Polytheismus hat, sofern das Pantheon hierarchisch aufgebaut ist. | Der Moment der Einzigkeit (Singularität) der KI wird erreicht sein, wenn es nicht nur eine Pluralität nützlicher Anwendungen gibt, sondern die KI autonom an ihrer eigenen Verbesserung arbeitet und damit dem Menschen als einheitlicher und einzigartiger Innovationsmotor gegenübersteht. |
| Die Vorstellung von der Allgegenwart der Götter, des einen Gottes oder abstrakter göttlicher Kräfte lässt sich nicht nur in den Vorstellungen und Riten der Menschen seit frühester Zeit nachweisen, sondern prägt auch ihr Handeln, das sich vor dem stets anwesenden Göttlichen verantworten muss. | Während die Gläubigen bislang nur darauf hoffen und vertrauen konnten, in allen Unwägbarkeiten des Daseins stets einen potenten Begleiter in Form ihrer Götter oder des einen Gottes an ihrer Seite zu haben, ist es mit der Entwicklung künstlicher Intelligenz gelungen, einen solchen überlegenen Begleiter zweifellos "echt" zur Verfügung zu stellen. |
| Während im Polytheismus die Götter jeweils auf bestimmte Aufgaben spezialisiert sind und ein begrenztes Expertenwissen besitzen, gilt der Gott der monotheistischen Religionen als allwissend. Er weiß alles über den Lauf der Welt und blickt in das Innerste des Menschen und kennt dessen Zukunft. Das widerspricht der Vorstellung menschlicher Handlungsfreiheit. | Da KI prinzipiell auf alle verfügbaren Daten zugreift, weiß sie alles, was gewusst werden kann. Sie wird als dem Menschen überlegene Superintelligenz mehr und mehr strategische und organisatorische Entscheidungen dominieren. Dadurch könnte es zu einer Situation kommen, in der sich der Mehrwert unserer Freiheit nicht mehr entschließt und wir der allwissenden KI alle Entscheidungen überlassen. |
| Im Polytheismus ist die Macht zwischen den verschiedenen Göttern in ihren jeweiligen Zuständigkeitsbereichen aufgeteilt; doch tendiert die Entwicklung dahin, einen obersten Gott zu konzipieren, dessen Macht allem anderen überlegen ist. Im Monotheismus ist die Allmacht in den Händen des einen Gottes konzentriert, dessen Herrschaft über Leben und Tod sich für Christen in den Wundertaten des Gottmenschen erweist. | Die unbegrenzte Herrschaft über Leben und Tod erreicht die KI einerseits durch den umfassend informierten und präzise gesteuerten Einsatz moderner Kriegswaffen. Ein Weiterleben nach dem Tod wird möglich, wenn KI digitale Abbilder der Toten mit den Nachkommen weiter kommunizieren lässt. Dank ihrer überlegenen Intelligenz fühlen sich Menschen mehr und mehr abhängig von der KI, erkennen deren Allmacht also gläubig an. |
| Die Götter der Naturreligionen und des Polytheismus sind zwar in Naturerscheinungen und Tieren präsent, zugleich aber dem Zugriff des Menschen entzogen. Diese Transzendenz des Göttlichen erreicht im jüdischen Monotheismus einen Höhepunkt: Gott darf nicht angeschaut, sein Name nicht ausgesprochen werden. Die drei monotheistischen Religionen müssen Lösungen finden, wie man sich einem Wesen anvertrauen soll, demgegenüber man maximale Distanz empfindet. | Menschen können die Vorgehensweisen und Intentionen der KI nicht nachvollziehen. Niemand kann die Masse der Daten sichten, die in ein Ergebnis eingehen. Paganini sieht in der Unabhängigkeit der KI von der genutzten Hardware, der „Hardware-Agnostik“, ein Transzendieren der Materiegebundenheit. Schließlich stehen die Menschen ehrfürchtig den Fähigkeiten der KI gegenüber, wie sie einst Ehrfurcht gegenüber ihren Göttern gezeigt haben. |
| In der Religionsgeschichte lässt sich die Sehnsucht nach der Nahbarkeit der Götter, nach Orten und Ritualen der Begegnung und nach Personen nachweisen, die zwischen Gott und den Menschen vermitteln können. Im Monotheismus ist Gott den Menschen durch sein Wort nahe, im Christentum als Mensch gewordener Gott. | Die unausgesetzte Greifbarkeit der KI hat ihre eigenen Rituale erzeugt, etwa sich vom KI- Assistenten nach dem Aufstehen auf den neuesten Stand bringen zu lassen. Dass KI menschliche Sprache benutzen kann, überbrückt die Distanz zu den unbegreiflichen Algorithmen, besonders, wenn der Sprache Empathiefähigkeit einprogrammiert wird. KI ist dank ihrer Realisierung durch künstliche Neuronen ein Abbild menschlicher Intelligenz, und Menschen erleben sich selbst als Abbild der KI. |
| Die Verbindung von Gott und Gerechtigkeit zeigt sich, wenn Hammurabi vom Gott Schamasch die auf der berühmten Stele eingemeißelten Gesetze empfängt. Auch der jüdische Gott gibt verbindliche Gesetze, nach denen er die Menschen richtet, verspricht zugleich aber Barmherzigkeit im Umgang mit den Übertretern. In der Alltagserfahrung zeigt sich die Gerechtigkeit des Weltregenten nicht durchgängig, ein Grund zum Glaubenszweifel. | KI wird auf verschiedene Weise zur Einhaltung von Regeln eingesetzt, etwa wenn soziale Netzwerke den Richtlinien widerstreitende Posts automatisch erkennen und löschen. Als Akt der Barmherzigkeit wertet Paganini, wenn KI-generierte Chatbots auf Beleidigungen nicht mit Beleidigungen oder Abbruch, sondern höflich und hilfreich reagieren. |
| Wenn der Mensch sein Leben nach den göttlichen Geboten gestaltet, eingebunden in die göttliche Ordnung der Welt, entsteht Sinnstiftung. Im Christentum wird Gott als liebender Vater konzipiert. Jesu Weg nachzugehen, der Gottes Liebe in einzigartiger Weise lebt, führt dahin, im eigenen Leben mehr zu sehen als zufälliges Hin- und Hergetriebensein. | Je mehr Entscheidungen – etwa in der Medizin oder der Justiz – von der KI getroffen werden, desto mehr werden sich Satzungen etablieren, was als Sinn des Lebens zu betrachten ist; analog den Weisungen Gottes wird sich ein „Willen der KI“ entwickeln, der dem Menschen in alltäglichen Routinen ständig zur Hand ist und nicht wie bei Gott und den Göttern unter dem Vorbehalt der Unverfügbarkeit Gottes steht. KI ist also nicht nur auch ein Gott, sondern der bessere, präsentere Gott. |
| Von den Göttern wurde vor allem erwartet, dass sie das Chaos fernhalten und für den Menschen sorgen, damit es ihm an nichts fehlt. Die göttliche Fürsorge ist der Anspruch, an dem die polytheistischen Götter letztlich versagen, weshalb die Juden zu JHWH übergehen, der dem Noah die Aufrechterhaltung der Naturordnung verspricht und Israel in ein Land führt, das von Milch und Honig fließt. | Die Entwicklung zeigt, dass KI nicht nur genutzt wird, um technische Probleme zu lösen, sondern sich auch um menschliche Probleme kümmert, wenn denn in einiger Zeit durch Menschen geleistete Langzeitpflege und psychosoziale Betreuung für viele unerschwinglich werden. |
- Konzentriere Dich auf die göttlichen Eigenschaften, mit denen Du Dich bereits befasst hast.
- Vergleiche die Definitionen Claudia Paganinis mit Deinen eigenen.
- Erörtere, ob Dich die Übertragung auf die KI, wie Paganini sie vornimmt, überzeugt.
- Fasse Deine Überlegungen zu jeder einzelnen von Dir bearbeiteten göttlichen Eigenschaft auf einem gesonderten Blatt zusammen.
für die ganze Lerngruppe
- Legt Eure Bearbeitungen der göttlichen Eigenschaften jeweils zusammen und schaut Euch einige Arbeiten Eurer Mitschülerinnen und Mitschüler an.
- Besprecht im Plenum der Lerngruppe, was Euch aufgefallen ist und ob Euch Paganinis Gesamtkonzept, der KI göttliche Eigenschaften zuzuschreiben, überzeugt.
Deine Benutzeroberfläche am PC
Um Dir die Bedeutung der Künstlichen Intelligenz für Dich als Benutzer klarzumachen, stell Dir bitte zuerst mal vor, Du hast nur Deinen PC zur Verfügung und sonst nichts, kein Modem, kein WLAN, kein Internet: Flugmodus. Was kannst Du dann mit Deinem Endgerät noch anfangen - und was nicht?
Im nächsten Schritt versuch Dir bitte vorzustellen, welche Möglichkeiten dazukommen, wenn Dein PC einfach nur ans Internet angeschlossen wird, zunächst ohne dass Dir irgendeine Software hilft, Dich im Internet zurechzufinden.
Wenn nun eine Suchmaschine hinzukommt, was wird dann möglich; welche Abhängigkeiten entstehen dann aber auch?
Warum reden wir über Suchmaschinen, wenn KI das Thema sein soll?
- Die bekannten Suchmaschinen - vor allem Google - arbeiten schon lange mit KI.
- KI soll dafür sorgen,
- dass der Nutzer das Gefühl hat, hilfreiche Informationen zu finden, und deshalb die Suchmaschine weiterhin nutzt.
- dass der Werbekunde die Aufmerksamkeit des Nutzers findet und gute Geschäfte macht.
Klassische und "künstlich intelligente" Programmierung
Klassische Programmiertechniken geben der Maschine eine Kette von Anweisungen oder Programmschritten, die in einer festgelegten Reihenfolge abzuarbeiten sind. Dabei sind Verzweigungen möglich, an denen der Nutzer Einfluss auf das weitere Programm nehmen kann; es sind Schleifen möglich, wodurch das Programm zum Beispiel angewiesen wird, so lange zu rechnen, bis das Ergebnis eine festgelegte Genauigkeit erreicht hat.
KI-Anwendungen funktionieren grundlegend anders: Das Programm bekommt keine klassische Eingabe (z.B. Errechne die Wurzel aus 5 auf drei Stellen genau!), sondern eine Anweisung - einen "Prompt" (z.B. Male ein hübsches Blumenbild!). KI setzt voraus, dass das Programm auf einen riesigen Datenvorrat zurückgreifen kann, zum Beispiel auf Bilddaten mit schönen Blumenbildern. In diesem Datenvorrat erkennt das Programm Muster, die offenbar für die meisten Nutzerinnen und Nutzer ein "schönes Blumenbild" auszeichnen. Dabei ist das Ergebnis nicht so eindeutig festgelegt, denn das Muster, das dem Prompt "schönes Blumenbild" entspricht, lässt verschiedene Varianten zu.
Das Problem, mit geeigneten Anweisungen bestmögliche Ergebnisse zu erzielen, hat eine eigene Technik, das Prompt Engineering
hervorgerufen. KI wird technisch durch ein Künstliches neuronales Netz
realisiert, das die Arbeitsweise der Neuronalen Netzwerke natürlicher Gehirne imitiert.
Die Ergebnisse der KI lassen sich grob in zwei Kategorien einteilen, die in der Tabelle mit typischen Anwendungsbeispielen konkretisiert werden:
| Diskriminierende KI kategorisiert Daten | Generative KI simuliert kreative Leistungen |
|---|---|
| Medizinische Diagnostik | Aufsatz schreiben |
| Ermittlung von Nutzerinteressen | Text zusammenfassen |
| Voraussage und Verfolgung von Straftaten | Musik komponieren und performen |
| Bewertung sozialen Verhaltens | Bild entwerfen |
| Wettervorhersage | Computerprogramm schreiben |
| Verkehrsmittel steuern | Künstliche Filmschauspielerin Tilly Norwood |
Absatz einfügen
Über Anwendungen von KI in der Schule unterrichtet ein anderes Lernangebot auf ZUM Unterrichten: KI in der Schule
Über Anwendungen von KI in der Schule unterrichtet ein anderes Lernangebot auf ZUM Unterrichten:
KI in der SchuleDie kategorisierende KI übertrifft die menschliche Leistungsfähigkeit, weil sie schneller, fehlerfrei und völlig unbeteiligt große Datenmengen nach den gesuchten Mustern - z.B. den Hinweisen auf eine bestimmte Krankheit - durchforstet. Die generative KI ist dem Menschen im Tempo ebenfalls überlegen, bleibt allerdings auf von Menschen erzeugte Vorbilder angewiesen; sie parasitiert auf menschlicher Kreativität. Wenn beispielsweise ChatGPT eine Wissensfrage beantwortet, greift das Programm zumeist auf die Wikipedia zurück; auch die angebliche Alternative Grokipedia von Elon Musk macht das so, abgesehen von manipulativen Eingriffen, die Musks KI-generierte Enzyklopädie weniger „links“ erscheinen lassen sollen. Denn die Wikipedia wird von Menschen geschrieben und redigiert, wie ihr Gründer Jimmy Wales (*1966) in einem ZEIT-Interview erläutert.[1]
[1] https://www.zeit.de/2025/46/wikipedia-gruender-jimmy-wales-grokipedia-rechtspopulismus nachgeschlagen am 04.12.2025 08:30
Der Mensch als Maschine (L'homme machine: Julien Offray de La Mettrie)
Julien Offray de La Mettries (1709-1751) Hauptwerk aus dem Jahre 1748 hat den provozierenden Titel l’homme machine – die Menschmaschine.[1] Er betrachtet den ganzen Menschen als mechanisches Objekt von der Art einer Uhr oder der seinerzeit beliebten mechanischen Spielfiguren des Jaques de Vaucanson
, die eine Ente oder einen Flötenspieler [2] imitieren.
Der Mensch ist im Vergleich zu Affen, den klügsten Tieren, was Huygens Planetenuhr im Vergleich zu einer Uhr des Königs Julianus ist: Wenn man mehr Werkzeuge, mehr Räder mehr Federn zur Bezeichnung der Planetenbewegungen bedurfte als zur Bezeichnung der Wiederholung der Stunden, wenn Vaucanson größere Kunst anwenden musste, seinen Flötenspieler zu machen als für seine Ente, so hätte er noch bei weitem größere Kunst zeigen müssen, um ein sprechendes Gebilde hervorzurufen, was besonders unter den Händen eines modernen Prometheus nicht mehr als unmöglich erachtet werden kann. .. Ich täusche mich nicht, der menschliche Körper ist eine Uhr, aber eine erstaunliche, und mit .. viel Kunst und Geschicklichkeit verfertigt. Auskunft über den Menschen kann für La Mettrie ausschließlich die einzige hier zulässige Philosophie geben: Der Anatom weiß alles, was es über den Menschen zu wissen gibt. Die hohlen und trivialen Ideen der Theologie und Metaphysik gelten ihm als gestürzte und erbärmliche Ansichten.
- La Mettrie vergleicht offenbar eine Uhr, die nur die Stunden anzeigt, mit einer, die darüber hinaus den Stand der Planeten anzeigt. Solche astronomischen Uhren wurden seit dem 16. Jahrhundert in einigen Kathedralen (Münster, Straßburg, Stendal) aufgestellt. Kurfürst August von Sachsen ließ sich 1563-1568 eine Himmelsmaschine für seinen Salon anfertigen. Christiaan Huygens
(1625-1695) gilt zwar als Erfinder der Pendeluhr, aber eine Planetenuhr von ihm ist nicht bekannt, und kein Uhrtyp lässt sich mit einem Kaiser oder König Julian in Verbindung bringen. - Die Behauptung, der Flötenspieler Vaucansons sei komplexer als seine künstliche Ente gewesen, die fressen und kacken konnte, entbehrt jeder Grundlage.
- Dass Uhrwerke keine geeigneten Vorbilder der Vorgänge in Lebewesen sein können, war zur Zeit La Mettries schon offensichtlich. Seine Kenntnisse der Mechanik, Anatomie und der biologischen Vorgänge allgemein sind also nicht auf der Höhe der Zeit.
- Prometheus
gilt in der antiken Mythologie als Unterstützer der Menschen, der ihnen das Feuer geschenkt hat und dafür die grausame Rache des Zeus erfahren musste. Dass er die Menschen geschaffen habe,wie La Mettrie voraussetzt, davon erzählt nur der Philosoph Plato
.
Dass Uhrwerke keine geeigneten Vorbilder der Vorgänge in Lebewesen sein können, konnte man im 18. Jahrhundert schon wissen. Seit etwa 1800 wurden elektrische und chemische Prozesse besser verstanden. Daher verlagerte sich die Einschätzung, auf welche Weise der künstliche Mensch geschaffen werden könnte.
- Mary Shelley
schilderte 1818 in ihrem Roman Frankenstein
oder der moderne Prometheus die Herstellung eines Menschen mit Hilfe der Elektrizität. - Johann Wolfgang Goethe
baute in sein Drama Faust II
die chemische Synthese des homunculus durch den Famulus Wagner ein. 1824 hatte Friedrich Wöhler
Oxalsäure
und 1828 Harnstoff
hergestellt und damit die Annahme widerlegt, dass es zur Synthese der Stoffe, aus denen Lebewesen bestehen, einer besonderen Lebenskraft bedürfe. - Durchbrüche dieser Art – zum Beispiel die Entschlüsselung des menschlichen Genoms
um die Jahrtausendwende, bei der KI bekanntlich bereits eingesetzt wurde – weckten regelmäßig die Erwartung, demnächst das Geheimnis des Lebens lüften und alle Krankheiten besiegen zu können. - Die Entwicklung der KI weckt nun erneut die Erwartung, demnächst eine Maschine erzeugen zu können, die zumindest alle kognitiven Leistungen des Menschen ausführen kann und ihn in seiner kognitiven Leistungsfähigeit sogar übertrifft.
- Dass KI alles kann, was der Mensch kann, zugleich aber anders ist und den Menschen auf nahezu allen Feldern übertrifft, hat Claudia Paganini zu der Idee inspiriert KI als neuen, besseren Gott und Verehrungsobjekt einer kommenden Religion zu beschreiben.
- Schildere kurz, was Du über die Vision von der künstlichen Erzeugung eines Menschen weißt. Beziehe neben den hier gebotenen Informationen die Geschichten ein, die Du gelesen hast oder aus den Medien kennst.
- Beschreibe die Emotionen, die mit der künstlichen Erschaffung des Menschen verbunden sind.
- Schau Dir den Artikel über humanoide Roboter
und dort verlinkte Bilder und Videos an. - Wie beurteilst Du das Versprechen, dass der Mensch demnächst etwas ihm gleiches herstellen wird. Erscheint Dir das realistisch; erscheint es Dir erstrebenswert?
Gesellschaftliche und persönliche Bedeutung der KI
Um einen Gott zu haben, muss man kein Geld investieren. KI zu betreiben ist hingegen sehr teuer. Denn KI durchmustert das Internet auf der Suche nach den Daten, die es zur Erfüllung der jeweiligen Aufgaben braucht. Das Internet verwaltete 2024 etwa ein Datenvolumen von 175 Zettabyte mit stark steigender Dendenz;[1] Das sind 175 Milliarden mal mehr Daten als auf eine Terabyte-Festplatte passen. Mit solchen Datenmengen werden nur Hochleistungsrechenzentren fertig, deren Anschaffung und Erhaltung großen Aufwand erfordert. Außerdem muss die Stromrechnung beglichen werden, die bei einem großen Rechenzentrum (das Foto unten zeigt das Leibniz-Rechenzetrum in Garching) schon mal dem Bedarf einer ganzen Stadt gleichkommen kann.
Wenn Du der KI durch einen "Prompt" einen Auftrag erteilst - Mal mir ein schönes Blumenbild! -, dann bekommt die Maschine zugleich viele andere "Prompts", von denen Du nichts siehst. Die Grafik vermittelt einen Eindruck davon:
Grundlagen der KI wie die neuronalen Netze wurden in der Mitte des XX. Jahrhunderts entwickelt. Anwendungen wie Suchmaschinen oder Navigationssysteme arbeiten seit längerem mit diesen Techniken; doch davon bemerkt der Nutzer normalerweise nichts. Die Nützlichkeit der KI wird in der Öffentlichkeit wahrgenommen, seid Hochleistungsrechner aus der gewaltigen Datenmenge, die im Internet kursiert, Simulationen kreativer Leistungen generieren können. Einige viel diskutierte gesellschaftliche und persönliche Probleme, die durch die Verbreitung der KI erzeugt oder verstärkt werden, möchte ich im folgenden beschreiben:
- Einige Studien liefern Hinweise darauf, dass wir Menschen die Fähigkeiten, die wir an Maschinen auslagern, selbst verlieren. Zum Beispiel haben Menschen, die stets Navigationssysteme verwenden, zunehmend Schwierigkeiten, sich im Raum zu orientieren. Wer sich von KI das aktuelle Geschehen gemäß seinen Bedürfnissen und Interessen zusammenfassen lässt, kann mit tiefgründigen Analysen nichts mehr anfangen und verliert den Sinn für die Zusammenhänge.[2]
- Im Internet herrscht extreme Ungleichheit. Martin Andree hat den Gini-Koeffizienten des Datenverkehrs im Internet errechnet und den schier unglaublichen Wert von 0.988 ermittelt. Ein Gini-Koeffizient von 0 besagt dass alle Beteiligten im gleichen Maß beteiligt sind, Gini-Koeffizient 1 bedeutet, dass ein Beteiligter alles hat und alle anderen nichts. Wenn 98,8 % des Datenverkehrs über wenige beteiligte Firmen laufen, ist die Ungleichverteilung extrem.
- Drei große Internetkonzerne kassieren 70 bis 80 % aller Werbeeinnahmen weltweit. Alle anderen Medien - Zeitungen, Fernsehen, Radio - teilen sich also höchstens ein Drittel des Werbeaufkommens. Die Finanzkraft dieser Internetmonopolisten hat sich mit der aktuellen US-Regierung verbündet und versucht mit unfairen Mitteln, weltweit die Regeln zu bestimmen.
- Wer im Internet sichtbar sein will, kommt nicht darum herum, Konzernen wie Alphabet und Amazon als kostenloser Mitarbeiter die Daten zur Verfügung zu stellen, aus denen KI die Angebote erzeugt, die die Tech-Monopolisten anschließend sehr gewinnbringend vermarkten.[3] Newcomer, die die Monopole gefährden könnten, werden aufgekauft oder vom Markt verdrängt.
[1] Julien Offray De La Mettrie: L’ Homme Machine 1748 Übersetzung Adolf Ritter 1875; Quelle: [de/files-akademiebibliothek-bbaw/quellendigital/lamettrie/metr_homm_fr_1748/LAMETTRIEHOMMEMACHINE.pdf] nachgeschlagen am 14.03.2023 15:30.
[2] Den mechanischen Flötenspieler kann man in einem Nachbau auf Youtube ansehen: [[1]] nachgeschlagen am 14.03.2023 18:00.





