Benutzerin:Sabine Häcker/Weihnachtswissen/Politik/Antisemitismus

Wie wurde Weihnachten (schon vor der NS-Zeit) als Anlass für Antisemitismus missbraucht?
Material für Jahrgang 8-10 / Zeit: 45 min
Der Antisemitismus, der in der NS-Zeit 1933-45 zu furchtbaren Verbrechen an Millionen von Menschen führte, hatte eine lange und komplexe Vorgeschichte. In diesem Unterrichtsmaterial soll ein Beispiel von 1903 herausgegriffen, genauer betrachtet und auf die heutige politische Situation übertragen werden.

Um die 1890er Jahre entstanden die ersten Kaufhäuser. Es waren großstädtische, modern geltende Einkaufstempel mit elektrischer Beleuchtung. Man konnte wetterunabhängig herumspazieren, es wurde ein breites Sortiment angeboten, man konnte die Waren vor dem Kauf ausgiebig betrachten, es gab einheitliche Preise sowie ein Umtauschrecht und das Personal war professionell höflich.[1]
Manche kleinen Geschäfte fürchteten die Konkurrenz der großen Kaufhäuser, ganz besonders beim wichtigen Weihnachtsgeschäft. Diese Angst - und auch den Neid - nutzten antisemitische Kräfte, um antijüdische Stimmung zu machen, denn viele Kaufhäuser und Ketten (z. B. KaDeWe, Wertheim oder das spätere HERTIE) hatten Eigentümer mit jüdischen Wurzeln. Die Berliner Staatsbürger-Zeitung rief am 20. Dezember 1903 unverhohlen dazu auf, die Weihnachtseinkäufe nicht in jüdischen Geschäften zu tätigen.[2]
(Die Staatsbürger-Zeitung war eine Tageszeitung, die von 1865-1926 in Berlin herausgegeben wurde. Sie war ein deutsch-nationales Blatt mit starken antisemitischen Tendenzen.)
Zum Weihnachtsgeschäft 1903: Antisemitische Hetze in der "Staatsbürger-Zeitung"
Der Goldene Sonntag
„(…) Der heutige Sonntag, der letzte vor Weihnachten, heißt allgemein der „goldene Sonntag“. Es ist der Tag, an dem die große Menge der Bevölkerung, die in der Woche nicht über ihre Zeit verfügen kann, ihre Einkäufe für das Weihnachtsfest macht und die Kasse des Geschäftsmannes sich mit Gold füllen soll. (…) Ihr Lieben, die ihr heute hinauswandert, um eure Weihnachtseinkäufe zu machen, vergesst nicht, was ihr euren christlichen Brüdern schuldig seid, vergesst nicht, dass ihr auch die Pflicht habt, den christlichen Geschäftsleuten eine Weihnachtsfreude zu machen. Lauft nicht in die großen Ramschbasare (damit waren die jüdischen Kaufhäuser gemeint; S. H.), kauft in den christlichen Geschäften in eurer Nachbarschaft (…). Diejenigen, die nicht christlich denken und fühlen, die in der wilden Jagd nach Reichtümern sich kein Gewissen daraus machen, über Leichen zu schreiten, Tausende und aber Tausende von Geschäftsleuten zu ruinieren, um selbst schnell reicht zu werden; sie stehen nicht in dem Kreise der deutschen Familie, sie sollen auch keinen Anteil an dem Weihnachtsgeschäfte haben. (…)“
Quelle: Staatsbürger-Zeitung am 20.12.1903, Seite 1 https://dfg-viewer.de/show/?set%5Bmets%5D=https://content.staatsbibliothek-berlin.de/zefys/SNP30744088-19031220-0-0-0-0.xml (Mit S. H. ist Sabine Häcker gemeint, die Autorin dieser Materialien, um eine Ergänzung im Zitat kenntlich zu machen.)

Texterarbeitung
- Wie werden die christlichen Geschäftsleute beschrieben? Markiere mit gelb.
- Wie werden die jüdischen Geschäftsleute beschrieben? Markiere mit orange.
- Vergleicht diese Beschreibungen!
- Warum ist das Hate-Speech[3] sind und Diskriminierung? Ordnet den Text ein!
- In welchen Zusammenhang werden Nationalität und Religionszugehörigkeit hier gestellt? Erörtert diesen Zusammenhang!
Diskussion: Wäre ein Verbot sinnvoll gewesen?
- Solche antisemitischen Aussagen waren damals nicht selten. Vor dem Hintergrund, dass wir mehr als 100 Jahre später wissen, wie sich die Politik weiterentwickelte und was während der NS-Zeit geschah, stellt sich die Frage: Hätten solche Aussagen oder hätte solch eine Zeitung damals verboten werden sollen? Nehmt Stellung!
- Und wie seht ihr das in Bezug auf die heutige Situation? Diskutiert!
Literatur und Quellen
- Sabine Häcker: Wem gehört Weihnachten? Brauchtum, Glaube und Politik. 2025.
- Sabine Häcker: Warum die Weihnachtsgeschichten uns lehren, dass die Bibel nicht wortwörtlich zu nehmen ist! 2026.
- Digitalisierung des Zeitungsartikels vom 20.12.1903: ZEFYS Staatsbibliothek Berlin https://dfg-viewer.de/show/?set%5Bmets%5D=https://content.staatsbibliothek-berlin.de/zefys/SNP30744088-19031220-0-0-0-0.xml
- Zur Geschichte von Kaufhäusern jüdischer Familien:
- Zur Diskriminierung jüdischer Unternehmen in der NS-Zeit: Plakat vom Kaufhof als "arischer" Betrieb https://germanhistorydocs.org/de/deutschland-nationalsozialismus-1933-1945/ghdi:image-5150 .
- Zu einem möglichen Verbot der AfD: https://www.institut-fuer-menschenrechte.de/aktuelles/detail/menschenrechtsinstitut-voraussetzungen-fuer-verbot-der-afd-liegen-vor / https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/afd-verfassungsschutz-verbot-100.html / https://www.deutschlandfunk.de/afd-verbot-102.html
- Zum Verbot von Zeitungen und anderen Medien in der BRD: https://www.verfassungsschutz.de/SharedDocs/kurzmeldungen/DE/2024/2024-07-16-verbot.html / https://www.tagesschau.de/inland/compact-106.html
Zum Weiterlesen / -hören: Warum wurzelte der Antisemitismus u. a. im Bibelverständnis?
Antisemitismus wurde unter anderem mit antijüdischen Aussagen im Neuen Testament begründet.[4] Auch Martin Luther hatte mit Verweis auf die Bibel 1543 "Verbrennt ihre Synagogen" geschrieben[5] und nicht zufällig war der Tag der Reichspogromnacht 1938 der Vorabend von Luthers Geburtstag[6] - doch er hatte die Bibel falsch verstanden. Martin Luther kannte den geschichtlichen Hintergrund der judenfeindlichen Passagen nicht. Denn jeder Text wird in einer bestimmten Zeit und mit einer bestimmten Absicht geschrieben - und nur wenn man die kennt, kann man den Text verstehen. Diese bahnbrechende Erkenntnis brachte allerdings erst um 1700 die Epoche der Aufklärung, als das wissenschaftliche Denken entwickelt wurde. Schon innerhalb der Bibel werden frühere Textstellen aufgegriffen, interpretiert und neu ausgelegt, und das zeigt, dass die Bibel nicht wortwörtlich zu nehmen ist.[7]
Wie kam es zu judenfeindlichen Textstellen im Neuen Testament? Das ist in dem Büchlein Warum die Weihnachtsgeschichten uns lehren, dass die Bibel nicht wortwörtlich zu nehmen ist! nachzulesen bzw. im Hörbuch zu hören.[8]
Unheilschutz im Alten Testament und ein neuer Heilsweg im Neuen Testament - die Entstehung der Bibel:
- LESEN: im Buch S. 18-29. → Sabine Häcker: Warum die Weihnachtsgeschichten uns lehren, dass die Bibel nicht wortwörtlich zu nehmen ist! 2026.[9]
- HÖREN: im Hörbuch von 13:39 bis 33:22 bzw. ab Kapitel (Track) 5, 01:20.[10]Hinweis zum Anliegen der geschlechtergerechten Sprache: Es wird die generische Variante in ihrer genderneutralen Definition verwendet. Das grammatikalische Geschlecht von Sprache ist dabei keinesfalls mit dem biologischen oder sozialen Geschlecht von Menschen gleichzusetzen!
Anmerkungen
- ↑ Häcker, 2025, S. 195 ff.
- ↑ Häcker, 2025, S. 195 ff.
- ↑ Hate Speech sind hasserfüllte, menschenrechtsverletzende und diskriminierende Äußerungen.
- ↑ Zum Beispiel schrieb Paulus in einem Brief, dass die Juden "Gott missfallen" und "allen Menschen feind" sind (1. Thess. 2, 15).
- ↑ Martin Luther: Von den Jüden und iren Lügen. 1543, S. 405 f. (S. 1022 der digitalen Seitenzählung). In: Peter Seiß (Hrsg.): Der Fünffte Teil der Bücher des Ehrnwürdigen Herrn Doct. Martini Lutheri. 1573. In: http://resolver.staatsbibliothek-berlin.de/SBB0001E5D300000000.
- ↑ Häcker, 2026, S. 28.
- ↑ Vgl. Konrad Schmid und Jens Schröter: Die Entstehung der Bibel, 2019, S. 142.
- ↑ Mehr dazu in diesen Unterrichtsmaterialien: https://unterrichten.zum.de/wiki/Weihnachtswissen#Die_christlichen_Anteile_von_Weihnachten_und_ihr_religionsgeschichtlicher_Hintergrund.
- ↑ Das Büchlein (78 Seiten mit 17 Abb.) kostet 7,99 und als E-Book 3, 49 Euro. Es ist eine für die Arbeit im Untericht gekürzte und vereinfachte Version des Buches Wie wurde Weihnachten erfunden? von Sabine Häcker (2025). https://buchshop.bod.de/warum-die-weihnachtsgeschichten-uns-lehren-dass-die-bibel-nicht-wortwoertlich-zu-nehmen-ist-sabine-haecker-9783695745876.
- ↑ Das Hörbuch (ISBN: 9783696319601) ist auf allen bekannten Streamingplatformen und Shops zu finden; z. B. SPOTIFY: https://open.spotify.com/show/0Poz31AM8BjyRWzwZt9l6l?si=PxOpSSUAT1qgNBnz-bS0Ww&nd=1&dlsi=f53639330008454e / AUDIBLE: https://www.audible.de/pd/Warum-die-Weihnachtsgeschichten-uns-lehren-dass-die-Bibel-nicht-wortwoertlich-zu-nehmen-ist-Hoerbuch/B0H4VJ5G3P?A1080439681eac_link=wT3Ft8rLTRv3&ref=web_search_eac_asin_1&eac_selected_type=asin&eac_selected=B0H4VJ5G3P&qid=sPv3MugGJN&eac_id=260-4842475-0026429_sPv3MugGJN&sr=1-1 / FABELY https://www.fabely.com/es/biblioteca/audiolibro/9783696319601 / THALIA (2,95 Euro) https://www.thalia.de/shop/home/artikeldetails/A1080439681 / HUGENDUBEL (3,49 Euro) https://www.hugendubel.de/de/hoerbuch_download/sabine_haecker-warum_die_weihnachtsgeschichten_uns_lehren_dass_die_bibel_nicht_wortwoertlich_zu_nehmen_ist_-53652567-produkt-details.html / HÖBU (2,95 Euro) https://hoebu.de/shop/article/59528094/sabine_haecker_warum_die_weihnachtsgeschichten_uns_lehren_dass_die_bibel_nicht_wortwoertlich_zu_nehmen_ist_.html etc.
