Minnesang

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(Codex Manesse, um 1300)

Minnesang ist mittelalterliche Liebesdichtung in mittelhochdeutscher Sprache.

Basiswissen

Norbert Elias über den Minnesang:

„Im überwiegenden Teil der frühmittelalterlichen Feudalgesellschaft, wo der Mann der Herrscher ist, wo die Abhängigkeit der Frau vom Mann […] kaum eingeschränkt ist, nötigt auch nichts den Mann, seinen Trieben Zwang und Zurückhaltung aufzuerlegen. Die Befriedung der Seelen ist noch längst nicht so weit gediehen wie zur Zeit des Absolutismus (16.-18. Jahrhundert), wo der absolute König schließlich sogar die Duelle verbieten kann; noch immer sitzt das Schwert locker, und Krieg und Fehde sind nahe. Von „Liebe“ ist in dieser Kriegergesellschaft wenig die Rede. Die Frauen sind von der Zentralsphäre männlichen Lebens, der kriegerischen Betätigung, ausgeschlossen; die Männer den Hauptteil ihres Lebens unter sich. Und der Überlegenheit entspricht eine mehr oder weniger ausgesprochene Verachtung des Mannes für die Frau: „Geht in Eure zierlich geschmückten Gemächer, Dame, unser Geschäft ist der Krieg.“ Das ist durchaus typisch. Und man hat den Eindruck, dass der Verliebte unter diesen Kriegern lächerlich erscheinen müsste. Die Frau erscheint hier im Allgemeinen den Männern als ein Wesen minderwertiger Art. Es sind genug davon vorhanden. Sie dienen zur Befriedigung der Triebe in ihrer einfachsten Form. […]“
„Allerdings trat im Lebensraum der im Hochmittelalter aufkommenden großen Feudalhöfe die kriegerische Funktion der Männer bis zu einem gewissen Grad zurück. Hier lebte zum ersten Mal in der weltlichen Gesellschaft eine größere Anzahl von Menschen in hierarchischer Ordnung und in sehr enger Verflechtung unter Aufsicht des an Macht gewinnenden Landesherrn zusammen [einem Herrscher über ein großes, geschlossenes Territorium im Unterschied zu den kleinen Grundherrschaften der einfachen Ritter]. Und schon das allein zwang alle Abhängigen zu einer gewissen Zurückhaltung. Hier war eine Fülle von unkriegerischer Verwaltungsarbeit, von Schreibarbeit zu leisten. All das schuf eine etwas friedlichere Atmosphäre. Wie überall dort, wo die Männer zum Verzicht auf körperliche Gewalt gezwungen sind, stieg das soziale Gewicht der Frauen. Hier im Innern der großen Feudalhöfe stellte sich eine gemeinsame Geselligkeit von Männern und Frauen her. Es ist kein Zufall, dass sich in dieser menschlichen Situation als gesellschaftliches, nicht nur individuelles Phänomen, das herausbildet, was wir Lyrik nennen und jene Umformung der Lust, jene Tönung des Gefühls, die wir Liebe nennen.
Da ist, ebenfalls nur in dieser kleinen Oberschicht der Rittergesellschaft, der Minnesang Ausdruck einer ersten Form der Emanzipation, der größeren Bewegungsfreiheit für die Frau, Zwang zum An-sich-Halten für den sozial abhängigen Mann, zur Rücksicht, zu einer gewissen, noch sehr gemäßigten Regelung und Umformung des Trieblebens. […] In eben dieser Situation, nämlich an den großritterlichen Feudalhöfen, bildet sich zugleich eine festere Konvention der Umgangsformen, eine gewisse Mäßigung der Leidenschaften, eine Regelung der Manieren heraus.“
  1. Markiere die zentralen Aussagen des Textes!
  2. Inwiefern ist die „Hohe Minne” Ausdruck eines tief greifenden gesellschaftlichen Wandels?

Quelle: Norbert Elias: „Über den Prozess der Zivilisation“, Bd. 2, S. 97ff (Kapitel Minnesang, leicht verändert)

Beispiele

Du bist min, ich bin din

Dû bist mîn, ich bin dîn:
des solt dû gewis sîn.
dû bist beslozzen
in mînem herzen:
verlorn ist das slüzzelin:
dû muost immer drinne sîn.

(Münchner Handschrift, 13. Jahrhundert)


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Texte online

Siehe auch